Das Schweigen brechen

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Masha Sedgwick | Portrait | Sonntagspost | Licht und Schatten | experimentelle Fotografie | Abtreibung | Schwangerschaftsabbruch | 219a
Masha Sedgwick | Portrait | Sonntagspost | Licht und Schatten | experimentelle Fotografie | Abtreibung | Schwangerschaftsabbruch | 219a

Gebannt schaue ich auf den Test und beobachte wie sich erst ein, dann auch der zweite Strich färbt. Mit einer aufkommenden Angst im Bauch realisiere ich, was das bedeutet. Trotzdem dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis diese Nachricht auch vollständig bei mir ankommt.

Ich bin schwanger. Fuck.


Es ist 2010 und ich bin Studentin mit mindestens einem Nebenjob und chaotischen Lebensverhältnissen. Während ich versuche Studium, Nebenjob und Privatleben auszubalancieren, bin ich noch mitten drin mich selbst zu finden. Vor Kurzem hatte ich einen schlimmen Autounfall, bei dem ich fast ums Leben kam, doch nicht nur der bereitet mir schlaflose Nächte, sondern auch meine Beziehung, denn wir sind nicht mehr das, was wir mal waren.

Ich habe Angst. Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich habe Angst, dass ich keinen Job finden werde. Ich habe Angst meinen Freund zu verlieren. Und vor allem habe ich Angst mich selbst zu verlieren.

Ich halte diesen Test in meiner Hand und alles in mir schreit NEIN. NEIN. NEIN. NEIN. Ich will das nicht. Manchmal kommt alles auf einmal und eine Katastrophe folgt die Nächste. Und dann auch auch noch das.
Schwanger.
Ich fühle mich wie benommen und während sich die Entscheidung in meinem Herzen manifestiert, gehe ich online und suche nach folgendem Schlagwort:
Abtreibung.

Masha Sedgwick | Portrait | Sonntagspost | Licht und Schatten | experimentelle Fotografie | Abtreibung | Schwangerschaftsabbruch | 219a

Erst am Abend erzähle ich meinem Freund von der Schwangerschaft und meiner Entscheidung. Er wirkt enttäuscht und zugleich erleichtert. Auch bei ihm spüre ich einen Mix der Gefühle. Wir sind einfach nicht so weit – und was ich insgeheim vielleicht schon spürte: wir würden es auch nie sein.

Nach der Diagnose gehe ich zur Familienberatung und von da an geht alles ganz schnell: Termin beim Frauenarzt und ich bekomme eine Pille, eine Hormonbombe, die die befruchtete Eizelle abtreiben soll. Ich bleibe an diesem Tag Zuhause, nehme mir frei, schaue Serien und esse ungesundes Zeug. Es ist eine unangenehme Prozedur, aber dass es kein Spaziergang sein würde, das war mir auch schon im Voraus klar.

Nach diesem Tag fühle ich Erleichterung, Befreiung, Schmerz auch eine Sehnsucht nach einem besseren Morgen und einem Leben, bei dem ich mich bewusst für Kinder entscheide.

Jetzt ist es also soweit.
§219a ist beschlossen worden mit einer Lockerung der Gesetze zwar, aber es fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir vom frühen ins späte Mittelalter gerutscht. Eine Verbesserung, klar, aber immer noch nicht zeitgemäß.
Das aktualisierte Gesetz sieht nämlich noch immer vor, dass Schwangerschaftsabbrüche illegal, aber straffrei bleiben und Informationen zum Thema Schwangerschaftsabbruch nach wie vor von Ärzten nicht veröffentlicht werden dürfen. Immerhin dürfen sie jetzt vermerken, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, wenn auch nicht wie genau diese aussehen. Die Methoden finden sich jedoch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und auch im Netz, beispielsweise hier.


Doch das ist nicht die einzige Änderung.
Schwangerschaftsabbrüche dürfen unterrichtet werden, was tatsächlich eine Verbesserung ist, denn vorher wurde das Thema im Medizinstudium nicht behandelt. Unvorstellbar eigentlich, aber auch hier fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Thema. Nach der Ausbildung sollte es selbstverständlich Ärzten überlassen sein, ob sie später Schwangerschaftsabbrüche durchführen wollen oder nicht.
Weiterhin sollen Verhütungsmittel für Frauen unter 22 Jahren kostenlos sein. Ebenfalls sinnvoll meiner Meinung nach.

Nicht sinnvoll ist dagegen eine in Auftrag gegebene Studie zu den psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen, die zudem mit 5 Mio. aussergewöhnlich hoch angesetzt ist. Angedacht ist sie von dem Gesundheitsminister Jens Spahn, der in der Vergangenheit bereits durch herablassende Aussagen gegenüber der Selbstbestimmung der Frau aufgefallen ist, wodurch der Eindruck einer ideologischen Motivation entsteht. Denn Studien gibt es zu dem Thema genug, beispielsweise die Turnaway Studie, die untersucht hat, welche Folgen eine ungewollte Schwangerschaft hat, ob nun ausgetragen oder abgetrieben. Das Ergebnis: Frauen, die eine ungewollte Schwangerschaft austragen rutschen häufiger in die Armut und ihnen geht es nicht nur psychisch schlechter, sondern auch den Kindern.


Masha Sedgwick | Portrait | Sonntagspost | Licht und Schatten | experimentelle Fotografie | Abtreibung | Schwangerschaftsabbruch | 219a

Und vermutlich liegt genau hier das Problem: bei einer ungewollten Schwangerschaft gibt es kein richtig oder falsch.
Doch was es geben sollte: Hilfe. Beratung. Unterstützung.

Masha Sedgwick | Portrait | Sonntagspost | Licht und Schatten | experimentelle Fotografie | Abtreibung | Schwangerschaftsabbruch | 219a
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Deswegen ist in meinen Augen ein Informationsverbot oder eine Studie nicht das richtige Mittel, damit sich mehr Frauen für eine Schwangerschaft entscheiden. Wirklich hilfreich wäre dagegen eine funktionierende Infrastruktur, angefangen bei einer vernünftigen Versorgung in den Krankenhäusern, einer ausreichenden Zahl an Hebammen und Kita Plätzen und nicht zuletzt eine bessere Vereinbarkeit von Kind und Beruf. Damit Frauen ein Sicherheitsnetz haben, das sie im Fall einer plötzlichen Schwangerschaft auffängt. Da wären 5 Millionen schon ein ganz guter Anfang.


Hier geht es zur Petition von Nike gegen die Studie.

Hört euch hier unsere neuste Podcast Folge zu dem Thema an:

Hier findet ihr weitere Infos & gute Artikel:
Informationen via profamilia
Spahns Studie zeugt von Misstrauen gegenüber Frauen via SZ
Verstehen, was Frauen helfen würde via Zeit
Was erhofft sich Jens Spahn davon? via FAZ

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Februar 23, 2019
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31 Kommentare

  1. Hey Masha,

    ich finde grundsätzlich die Thematisierung von Abtreibungen gut, aber ich finde es bei allen Debatten wichtig, möglichst alle relevanten Punkte zu betrachten.
    Daher würde mich z.B
    interessieren, ob du jemals über Austragung und anschließende Freigabe zur Adoption nachgedacht hast oder wie du allgemein dazu stehst?

    LG Steffi

    1. Hallo Steffi,

      das ist sicherlich eine Alternative, allerdings keine, die ich für mich persönlich in Betracht gezogen hätte. Ich finde aber, dass das jedem frei stehen sollte, das zu entscheiden.

  2. Danke.

    Die Mädels von Amazedmag haben bereits vor ein-zwei Wochen ein Beitrag dazu verfasst, diesen habe ich direkt an die Bundestagsmail von Hernn Spahn weitergeleitet…ob es ankommt…ob er es liest bleibt offen. Mit deinem Beitrag mach ich das gleich auch…und teile ihn überall, das ist wo wichtig.

    Danke auch für deine Stimme, super finde ich auch den sachlichen Austausch in den Kommentaren.

    Noch eine Frage, wenn ich auf die Petition klicke komme ich zwar auf die Seite kann aber keine Stimme abgeben, auch steht da „0 Stimmen abgegeben“. Kann ich mir nicht vorstellen, hat das Problem noch jemand?

  3. Liebe Masha,

    es ist gut, dass die Frau selbst entscheiden kann und die Möglichkeit besteht, legal abzutreiben! Es ist im Laufe der Zeit vielen Frau furchtbar ergangen, weil Sie nicht die Möglichkeit oder Wahl hatten. Es gibt Frauen, die vergewaltigt wurden, manchmal sogar als Jugendliche. Nicht auszudenken, wie diese Frauen sich fühlen, wenn Sie so ein Kind austragen müssen.

    Ich finde es aber nicht gut, dass versucht wird (nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Stellen), eine Abtreibung immer mehr „salonfähig“ zu machen. Es sollte viel viel viel mehr getan werden, um es nicht soweit kommen zu lassen, dass es überhaupt zu einer ungewollten Schwangerschaft kommt. Mehr Aufklärung über (bessere) Verhütung zum Beispiel, auch in Schulen. Wie viele sind einfach zu dumm um richtig zu verhüten? Viel zu viele.

    Außerdem bin ich Immer ein Fan davon, richtige und sinnvolle Entscheidungen im Leben zu treffen, sei es die Affären-Wahl oder die Art wie man verhütet (Lisa hat im Podcast nicht erwähnt, warum ihre „Verhütung“ schief ging, richtig? Oder habe ich es überhört?) Nike von TIJW kann ich zum Beispiel nicht verstehen: Sie sagt sie will nie wieder ein Kind. Gut. Dann lässt man sich sterilisieren statt auf eine wackelige Verhütung zu setzen, die natürlich schief gehen musste.

    Abtreibungen sind ein Ausdruck von Versagen und Schande, da braucht man sich doch wirklich nichts schön reden. Und es ist nichts, womit man sich brüsken sollte.

    1. Ich glaube eine Abtreibung wird nie salonfähig. Ich persönlich kenne NIEMANDEN, der darauf stolz ist.
      Warum auch?
      Versagen und Schade ist es aber auch nicht und es ist auch echt ärgerlich, dass Verhütung am Ende des Tages immer die Sache der Frau ist, ebenfalls wie eine Abtreibung. Was ist denn mit den vielen Männern, die Frauen diese Entscheidung nahelegen?

      Was wirklich WIRKLICH helfen würde ist ein Sicherheitsnetz für Frauen, damit eine Schwangerschaft nicht gleich das Ende der Selbstbestimmung und Karriere bedeutet. Unterstützung, damit ich sich auch eine junge Frau den Herausforderungen einer Schwangerschaft stellen kann. DAS wäre doch mal eine tolle Lösung?

    2. Hi Kim,

      ich weiß nicht, ob Nike gesagt hat, sie will nie wieder ein Kind. Aber auch wenn sie das gesagt hat – vielleicht möchte sie sich einfach nicht sterilisieren lassen, weil sie sich Option vielleicht doch noch freihalten will? Oder einfach, weil sie diese OP nicht machen möchte? Es kann viele Gründe geben. Es ist aber auch gar nicht notwendig, dass du sie verstehst. Es sind Ihre Gründe, es ist IHR Körper, es ist IHRE Entscheidung. Wie würdest du dich fühlen, wenn ich dir jetzt sage: „Liebe Kim, ganz ehrlich: Mach die Dinge mal besser ganz anders und ändere mal deine Sichtweise, denn so wie ich das sehe, bist du ziemlich engstirnig?“ Wäre nicht so cool, oder? ;) Stattdessen versuchen, mal die Sichtweise der anderen einzunehmen, denn jeder Mensch sieht die Welt durch seine Brille. Und auch du hast sicher deine Gründe, wieso du das so siehst. Aber diese Gründe anderen aufstülpen zu wollen, scheint mir nicht der richtige Weg zu sein.

      Ich persönlich finde krass, dass du sagst, Schwangerschaftsabbrüche sind ein Ausdruck von Versagen und Schande. Das zeigt für mich, dass du den Kern des Themas vielleicht noch nicht so ganz verstanden hast. Es geht nicht darum, Schwangerschaftsabbrüche schön zu reden, sondern darum, dass jede Frau verdammt nochmal das alleinige Recht haben sollte, zu entscheiden, wie sie mit ihrem eigenen Körper und ihrem Leben umgeht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du wirklich Menschen ihre eigene Autonomie absprechen möchtest, oder?

      Ich finde deine Meinung interessant, denn offenbar hast du in deinem Leben, so wirkt es auf mich (korrigiere mich gerne), nur schwarz und weiß und nichts dazwischen. Ich persönlich urteile nicht über Menschen oder werte ihre Handlungen und Dinge. Jeder lebt auf seiner Insel mit seinen Ansichten, daher wäre mir eine Aussage, wie du sie tätigst, sehr befremdlich. Aber das ist auch ok, es ist ja deine Realität :)

      Ich glaube, du musst vielleicht noch lernen, dass das Leben mehr ist als nur immer „alles richtig machen“. Dass es nicht nur darum gehen sollte, Handlungen und Entscheidungen von anderen zu beurteilen und zu bewerten: Gut. Böse. Richtig. Falsch. Ich bin auch Fan von sinnvollen Entscheidungen, würde mir aber nie anmaßen, dass ich die immer alle treffe. Menschen sind nun mal nicht perfekt.

      Ich finde es btw super, dass wir diese Diskussion hier haben! Genau das brauchen wir!

  4. Liebe Masha,

    es ist gut, dass die Frau selbst entscheiden kann und die Möglichkeit besteht, legal abzutreiben! Es ist im Laufe der Zeit vielen Frau furchtbar ergangen, weil Sie nicht die Möglichkeit oder Wahl hatten. Es gibt Frauen, die vergewaltigt wurden, manchmal sogar als Jugendliche. Nicht auszudenken, wie diese Frauen sich fühlen, wenn Sie so ein Kind austragen müssen.

    Ich finde es aber nicht gut, dass versucht wird (nicht nur hier, sondern auch an vielen anderen Stellen), eine Abtreibung immer mehr „salonfähig“ zu machen. Es sollte viel viel viel mehr getan werden, um es nicht soweit kommen zu lassen, dass es überhaupt zu einer ungewollten Schwangerschaft kommt. Mehr Aufklärung über (bessere) Verhütung zum Beispiel, auch in Schulen. Wie viele sind einfach zu dumm um richtig zu verhüten? Viel zu viele.

    Außerdem bin ich Immer ein Fan davon, richtige und sinnvolle Entscheidungen im Leben zu treffen, sei es die Affären-Wahl oder die Art wie man verhütet (Lisa hat im Podcast nicht erwähnt, warum ihre „Verhütung“ schief ging, richtig? Oder habe ich es überhört?) Nike von TIJW kann ich zum Beispiel nicht verstehen: Sie sagt sie will nie wieder ein Kind. Gut. Dann lässt man sich sterilisieren statt auf eine wackelige Verhütung zu setzen, die natürlich schief gehen musste.

    Abtreibungen sind ein Ausdruck von Versagen und Schande, da braucht man sich doch wirklich nichts schön reden. Und es ist nichts, womit man sich brüsken sollte.

  5. Hi Masha,

    so ganz verstehe ich die Aufregung um das Thema ehrlichgesagt nicht. Es ändert sich nichts daran, dass man die Informationen über Schwangerschaftsabbrüche und die verwendeten Methoden frei zugänglich im Netz finden kann. Eben beispielsweise auf der verlinkten Seite von pro-familia. (Ich halte es auch für grundsätzlich fraglich, ob viele Ärzte detaillierte Informationen dazu auf ihre Webseiten stellen würden, einfach, weil generell wenige detaillierte Informationen zu Verfahren angeben. (In meiner Erfahrung zumindest.))
    Dass es nicht schnell genug mit Änderungen geht – ok, das kann ich gruuuundlegend nachvollziehen.
    Mir ist aber ehrlichgesagt jedes Mal, wenn die Debatte aufkommt, nicht klar, was man mehr haben möchte? Verhütungsmittel sind frei zugänglich (gut, ein paar sind rezeptpflichtig, aber das ist kein nennenswerter Mehraufwand) und billig (gedacht: Pille, Kondome, NFP), selbst wenn die Kassen sie nicht übernehmen (wenn sich die Preise für die Pille in den letzten Jahren nicht massiv geändert haben, kommt man – falls man die Kosten teilt – bei etwa 5€ pro Monat und Person raus (ich glaube, ich habe damals im Bereich von 60€ für sechs Monate gezahlt). Das war als Schülerin und als Studentin immer gut machbar (auch mit etwa dem Bafögsatz an verfügbarem Geld)). Abtreibungen sind möglich und werden immer wieder thematisiert. Natürlich nicht so offen, wie andere Themen, aber gegeben dem Ernst der Sache ist es auch fraglich, ob sie es jemals werden. Solange es Möglichkeiten gibt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen (und die gibt es (mMn zu Hauf)), sehe ich darin aber auch kein Problem. (Eventuell ist es einfacher zu verstehen, warum ich kein Problem darin sehe, dass Abtreibungen nicht allzu offen besprochen werden und das Thema immer etwas tabuisiert bleiben wird (nehme ich zumindest an), wenn man „Abtreibung“ beispielsweise durch „Unfall mit Todesfolge“ oder „im Krieg jemanden erschossen“ ersetzt.)
    Also ja, wenn Du einen guten Punkt hast, was man sinnvollerweise mehr bräuchte, würde mich das wirklich sehr interessieren.

    Ein kleiner Kommentar zu den Ergebnissen der Turnaway Study: In der Studie ist rausgekommen, dass es Frauen, denen eine Abtreibung verweigert wurde, *kurzzeitig* schlechter ging als denen, die eine bekamen. Langfristig gaben sich die Gruppen aber nichts. „For example, women who have an abortion are not more likely than those denied the procedure to have depression, anxiety, or suicidal ideation.“ (Link, s.o., Abschnitt „What did the study find?“)
    Aus dem, was ich gelesen habe, geht auch nicht hervor, dass in der Studie nachgewiesen wurde, dass zwischen dem Austragen der ungewollten Schwangerschaft und Armut, bzw. negativen Effekten auf die Psyche der Kinder ein kausaler Zusammenhang besteht. (Das klingt bei Dir oben an.) So wie es dargestellt wird, liest es sich erstmal nur wie eine Korrelation.
    Der Unterschied ist der: Bei einem kausalen Zusammenhang, beeinflusst ein Faktor direkt einen anderen, bei einer Korrelation treten sie zwar zusammen auf, müssen aber nicht (direkt) zusammenhängen – sie können beispielsweise auch eine gemeinsame Ursache haben oder unabhängig voneinander sein. In dem Beispiel der Studie könnte eine gemeinsame Ursache sowas sein: Eine Frau hat eine schwere Depression und es deswegen nicht geschafft, rechtzeitig eine Abtreibung zu bekommen. Sie hat aus dem gleichen Grund auch Probleme eine dauerhafte Anstellung zu finden und lebt daher unterhalb der Armutsgrenze — gemeinsamer Grund, aber kein direkter Zusammenhang.
    (Ich sage nicht, dass das eine oder gar die Erklärung für die Ergebnisse der Studie ist. Ich will auch nicht sagen, dass es keine kausalen Zusammenhänge zwischen dem Austragen ungewollter Schwangerschaften und Armut oder negativen Effekten auf die Psyche der Kinder geben kann (ich bin mir sehr sicher, dass es welche gibt, die Frage ist nur, wie viel sie erklären können). Ich möchte aber sehr deutlich darauf hinweisen, dass sich eine Kausalität ohne Weiteres nicht direkt aus der Studie ablesen lässt. (Von dem Bisschen her, das ich gelesen habe, wie gesagt. Korrigier‘ mich bitte, wenn ich falsch liegen sollte.) Davon abgesehen: Vorsicht dabei Studien, die in den USA gemacht wurden, auf Deutschland zu übertragen, da die Länder sich doch ein gutes Stück voneinander unterscheiden.)
    Ob es wirklich eine Studie in Deutschland von einem Herrn Spahn braucht, steht auf einem anderen Blatt.

    Liebe Grüße,
    Katja

    1. Hi Katja,

      erstmal DANKE für deinen ausführlichen Kommentar.

      An sich merkt man schon eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu vorher, doch da gibt es eben die zwei Punkte, die mich aufregen.
      Wie du schon sagtest, liegt mir die Enttabuisierung am Herzen und die damit verbundene Stigmatisierung. Ich habe zahlreiche Nachrichten bekommen, dass junge Frauen sich nicht getraut haben offen über ihre Abtreibung zu reden und ich kann es gut nachvollziehen. Es kann nicht sein, dass Frauen in der Gesellschaft verurteilt werden wegen dieser Entscheidung.

      Der andere Punkt ist die geplante Studie für 5 Millionen. Vielleicht ist das nicht deutlich genug herausgekommen, aber das ist für mich der Knackpunkt.
      Zum Einen gibt es keine Grundlage bzw. Notwendigkeit für eine solche Studie und der Verdacht liegt nahe, dass sie ideologisch motiviert sein könnte. Zu Ende gedacht: was wäre, wenn das (gewünschte) Ergebnis herauskäme und man nachweisen würde, dass es nach einem Schwangerschaftsabbruch zu psychologischen Folgen käme. Würde man Schwangerschaftsabbrüche verbieten, um Frauen zu „schützen“. Ich halte das leider nicht für unwahrscheinlich. Weiterhin nervt es mich, dass SO VIEL GELD in eine Studie gesteckt wird, obwohl grade in dem Bereich das Geld fehlt und Frauen, die sich bewusst für eine Schwangerschaft entscheiden, das Leben so schwer gemacht wird. Man muss sich nur mal im Freundeskreis umhören: keine Hebammen, keine Kitas, keine Unterstützung. DAS sollte man doch besser unterstützen?

      xx
      Masha

      1. Hi Masha,

        danke für die Antwort :)

        Bei der Stigmatisierung kommen wir vermutlich auf keinen grünen Zweig. Du schreibst ja selbst, dass Abtreibungen nie salonfähig werden werden — da gehe ich davon aus, dass damit immer ein gewisses Tabu verbunden sein wird, ergo wird es immer eine gewisse Überwindung kosten, darüber zu reden. Ob sich das jeder traut ist eine andere Frage, aber ich persönlich denke halt, dass man sich auf jeden Fall trauen sollte, über etwas zu reden, wenn die realistisch betrachtet schlimmste Konsequenz ist, dass das Gegenüber danach nichts mehr mit einem zu tun haben will. An der Stelle kommen wir aber wahrscheinlich auf keinen grünen Zweig.

        Was die Studie angeht: Wie schwer müssten die psychsichen Langzeitfolgen sein, damit man Abtreibungen verbietet? Ich denke schwerer, als man in einer ideologisch motivierten Studie hinbiegen kann. Wenn du dir die Parteiprogramme ankuckst: die Linke und die Grünen haben fest drinstehen, dass sie für ein Recht auf Selbstbestimmung bei der Reproduktion der Frau sind. CDU und SPD beziehen dazu keine Stellung, die AfD ist die einzige Partei, die reinschreibt, dass sie nicht nur gegen Abtreibungen sind, sondern auch Gesetzesänderungen in Betracht ziehen. Ich glaube, die Leute in CDU und SPD wissen gut genug, dass es sie viele viele Stimmen kosten wird, wenn sie Abtreibungen verbieten. Wenn man die Entscheidung mit einer Studie begründen wollte, müsste da schon bei rauskommen, dass der Großteil der Frauen, die abtreiben Selbstmord begehen (oder etwas in der Größenordnung). Ich halte die Angst für übertrieben – die Lage ist nicht derart, dass man das mit dem Schutz von Frauen begründen könnte und länger als bis zur nächsten Wahl hält.
        Davon abgesehen: 5 Millionen hört sich nach viel an, aber um die Situation zu verbessern müsste man *viel* mehr Geld in die Hand nehmen. Als Größenordnung: Mit 5 Mio. bekommt man (wenn man 25k Gehalt/Jahr annimmt) 200 Hebammen ein Jahr lang bezahlt. (Angenommen, man kann welche aus dem Hut zaubern.) Das ist wirklich nichts, was die Situation nachhaltig verbessert.

        LG,
        Katja

        1. Hi Katja,

          danke für deinen Austausch :)

          Unter „salonfähig“ verstehe ich eher eine Art Profilierung, ähnlich wie Kleidungsstücke plötzlich salonfähig werden und man sich damit schmückt. So weit soll es selbstverständlich nicht kommen, denn es ist ein sehr privater Bereich über den wir hier reden. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass Frauen und auch Ärzte offen angegangen werden und teilweise auch bedroht und ihnen sogar körperlicher Schaden zugefügt wird. Frauen werden mit Mördern verglichen und so weit darf es meiner Meinung nach nicht kommen. Glücklicherweise hatte ich bisher noch keine Anfeindungen in dem Bereich, aber ehrlich gesagt würde es mich nicht wundern.

          Leider ist ein Szenario, in dem Abtreibungen kaum noch möglich sind und man das Recht auf Selbstbestimmung aberkennt bekommt, beweist die aktuelle Lage in Italien. Dort wird grade das eben ausdiskutiert:
          https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/sendung/italien-abtreibung-zueruck-ins-mittelalter-100.html?fbclid=IwAR197wL147VvP_Ghv3kSl3_w-GZoSqNPI988P16igLiLlsm1QOHTLTWdEIM
          Auch hier gehen tausende Frauen auf die Straße, aber es scheint nichts zu bringen.

          Und ja 5 Mio sind möglicherweise nicht viel, aber ich würde das Geld lieber in 2-3 Kliniken sehen, statt in einer Studie.

          1. Hi Masha,

            ah, danke für die Erklärung :)
            Hast du irgendwas Konkreteres dazu, dass Frauen und Ärzte wegen Abtreibungen angegangen/bedroht/verletzt werden? Das Einzige was ich gerade finde ist nämlich „bekomme gelegentlich böse Briefe“ von einem Arzt.
            Frauen mit Mördern zu vergleichen halte ich auch für Blödsinn. Ich find’s aber interessant, das mal sehr nüchtern-sachlich auseinanderzunehmen. (Ich bin kein Jurist, ich lehne mich grad ein bisschen aus dem Fenster. Wenn jemand was Genaueres weiß, soll er es bitte sagen.) Mord ist ein Totschlag + Mordkriterium. Ein Kriterium für Mord ist Heimtücke – das ist bei einer Abtreibung mEn grundsätzlich gegeben, weil das Ungeborene wehrlos ist. Die Frage ist dann, ob ein Ungeborenes ein Mensch ist (Totschlag ist die Tötung eines Menschen), oder weniger rabiat formuliert: was ein menschliches Leben ist. Mit Komapatienten und ähnlichen Fällen im Hinterkopft, kommt man dann eigentlich nicht darum herum, ein Ungeborenes auch als menschliches Leben aufzufassen (ggf. gibt’s rechtlich eine andere Definition?). Dann ist eine Abtreibung aber eben doch ein Mord. Ich denke, dass die Frage dann ist, ob es Situationen gibt, in denen Mord „ok“ ist — mEn ja, Abtreibung zum Beispiel, viel mehr noch Sterbehilfe. Ich sehe aber halt nicht, wie man rational darum herumkommt, dass eine Abtreibung ein Mord ist (und dann Entsprechend ein Abtreibungsarzt ein Mörder und die Frau jemand, der einen Mord in Auftrag gibt). Wie gesagt, ich bin kein Jurist, ggf. wird das im medizinischen Bereich anders gehandhabt.

            Italien ist ein sehr guter Punkt.

            Liebe Grüße und vielen Dank für den Austausch,
            Katja

    2. Liebe Katja,
      ich danke dir, dass du den Punkt mit Korrelation und Kausalität angesprochen und erklärt hast. Ich stimme dir da voll zu.
      Schlüsse aus Studien werden doch gerne so getroffen, dass sie die eigene Meinung untermauern, obwohl die Studie das gar nicht hergibt.
      Die Frage bleibt dabei, ob die geplante Studie wirklich neutral und wissenschaftlich fundiert sein wird… da dies gerade bei psychischen Themen extrem schwierig ist, könnte man mit dem Geld wohl tatsächlich anderweitig mehr erreichen.
      LG

  6. Danke, liebe Masha,
    für diesen tollen und so wichtigen Beitrag. Danke auch für euren offenen und ehrlichen Podcast dazu und Respekt zu eurer Aufrichtigkeit. Ich habe auch eine Schwangerschaft beendet, aus medizinischer Indikation, weil ich mich der Herausforderung nicht gewachsen fühlte. Das ist ebenfalls ein großes Tabuthema. Von daher Danke für Deine Offenheit.

    Keine Frau tut dies leichtfertig und wir sollten endlich so weit sein, dass man uns den verantwortungsvollen Umgang mit unserem eigenem Leben zutraut und in jeder Phase unterstützt. Ich finde diese Studie skandalös. Die Aufmerksamkeit wird in eine ganz falsche Richtung gelenkt, das Ergebnis ist doch absehbar und vermutlich eine Steilvorlage für weitere Diskussionen um 219 a. Wie jemand hier schon schrieb: Es gibt so viele überforderte Mütter, niemand fragt die nach ihrem Seelenzustand…. oder man hätte die 5 Mio. nehmen können, um die Versicherungslast der Hebammen zu mindern und diesen Beruf zu stützen… das würde Müttern und Kindern helfen.

    Ein Thema zum Aufregen… danke, dass Du es aufgreifst, liebe Grüße nach Berlin, Heike

    1. Hey Heike,

      genau so sehe ich das auch. Es ist eine perfekte Vorlage, um 219a wieder die Daumenschrauben anzulegen.
      Mir ist es tatsächlich rätselhaft, wie das wieder durchgebracht wurde..

  7. Sehr mutig, ehrlich geschriebener Text und je mehr Frauen dieses Thema enttabuisieren desto eher können Frauen die Erfahrung einer Abtreibung wahrscheinlich auch verarbeiten. Nicht dafür verurteilt zu werden.

  8. Ich habe auch abgetrieben. Die oben genannten Gefühle kann ich so unterschreiben.
    Bereuen tue ich es keine Sekunde. Manchmal wenn man Kinder in dem gleichen Alter sieht denk man daran „Das hättest du jetzt auch haben können“. Damals war ich auch in Chaotischen Verhältnissen die erstmal geregelt werden sollten damit ein Kind das vorfindet was ich für mein Kind richtig halte. Psychischbelastet durch die Abreibung? Noep!!! Psychischbelastet durch chaotische Familienverhältnisse, Selbstfindung, Berufliche aussichten, innere Stärke/Schwäche… Absolut !!!

    Danke das du so offen darüber Sprichst. Das Thema sollte nicht so ein Tabu Thema sein… denn ich kenne viele Frauen die abgetrieben haben und nicht darüber sprechen weil es gesellschaftlich ein Tabuthema ist und nicht für sie selbst.

    Große Stärke Maria !!! Du bist eine Powerfrau !!!

    1. Hi Lena,
      ja, so ähnlich geht es mir auch. Es ist keine schöne Entscheidung, die man treffen muss, aber was soll ich sagen? Mein Lebensweg hat sich so gestaltet, dass ich durch einige dunkle Phasen gehen musste. Viele Frauen müssen das und es wird endlich Zeit, dass wir darüber reden…

  9. Danke! Danke, dass du deine Themen vom Fokus ‚Mode‘ auf viele weitere relevante Themen erweitert hast!
    Danke, dass du selbst eine so eindeutige und wichtige Stimme hast! Und danke, dass du mich und sicher auch viele andere bestärkst, ihre stimme zu erheben :)

      1. Liebe Masha,

        mir tut es weh so etwas zu lesen. Eine meiner engsten Freundinnen hat selbst in einer schweren Situation abgetrieben und ich liebe sie trotzdem. Dennoch finde ich es schlimm, dass du dich dafür einsetzt, dass Abtreibungen salonfähiger werden. Ich finde es zwar wichtig, dass sie erlaubt sind, dennoch ist es das Töten eines Lebewesen. Wir leben in einer Zeit in der niemand mehr Konsequenzen für sein Handeln übernehmen will. Eine Abtreibung ist kein Friseurbesuch. Frauen, die sich in der Situation dafür entscheiden, haben die Möglichkeit das zu tun. Und sie finden auch Infomationen. Abtreibungen kostenlos anzubieten finde ich absolut maßlos! Das läd zum Missbrauch ein. Wieso muss die Bevölkerung solche Eingriffe zahlen, wenn manche einfach zu dumm oder unwillig sind zu verhüten? (Ausnahmen gibt es natürlich immer) Es soll weiterhin die Möglichkeit der Abtreibung geben, aber was an diesem Vorgang so mutig ist wüsste ich gerne? Für mich ist es eher feig: Feig sich für einen vielleicht etwas härteren Weg zu entscheiden, sein eigenes Fleisch und Blut groß zu ziehen.

        Liebe Grüße Cara