Die Juten Sitten

Anzeige
Shooting inspiriert von dem Hörspiel „Die juten Sitten“ von Audible

Wenn es eine Zeit gibt, in der ich Berlin gerne erlebt hätte, dann wohl in den Goldenen Zwanzigern. Ich wäre durch die Straßen und Gassen geschlendert, die damals noch ganz anders aussahen, unberührt vom zweiten Weltkrieg. Wie schön diese Stadt gewesen sein muss, vermutlich vergleichbar mit Wien und Paris.

Heute zeichnen nur noch alte Fotografien und Erzählungen ein Bild von dieser Zeit. Es war eine Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Es war die Zeit von Beckmann, Max Ernst, Otto Dix und Käthe Kollwitz. Es war die Zeit von Hermann Hesse, Franz Kafka und Thomas Mann. Aber auch die Zeit der Bauhaus Generation, der neuen Sachlichkeit und des Exzesses.

Doch auch politisch war es eine spannende und hochbrisante Zeit: Der erste Weltkrieg war vorbei, der Faschismus schien noch weit  weg und es begann die Emanzipation der Frau. Die Frau nahm eine neue Rolle in der Gesellschaft ein, denn nach dem ersten Weltkrieg wurden viele Stellen von Frauen besetzt, was ihnen eine gleichwertigere Position gegenüber dem Mann ermöglichte. Das klassische Rollenbild hatte ausgedient. Politisch bedeutete das, dass Frauen 1919 erstmal das Wahlrecht anerkannt wurde. Für Berlin bedeutete es, dass viele junge Frauen aus kleineren Städten in die Metropole strömten, weil sie hier nach einer Erwerbstätigkeit strebten und damit auch einer (finanziellen) Unabhängigkeit. 

Diese Bewegung spiegelte sich nicht nur in der Politik wider, sondern auch im Alltag und in der Mode.

Androgynie war hoch im Kommen. Ausfallende, eng geschnürte Kleider wurden abgelegt, stattdessen wurden die Silhouetten weiter, die Kleider kürzer und man trug neuerdings auch Hosen. Passend dazu veränderte sich das Schönheitsideal: sehr schlank und mit kurzen Haaren hatten die Frauen dieser Zeit etwas fast schon bubihaftes.

Allerdings nur nach außen hin, denn hinter geschlossenen Türen ging es heiß her in der Berliner Szene. Die war nämlich legendär zur damaligen Zeit. Rauschende Feste, Exzesse und käufliche Liebe begleiteten die Berliner Nächte und so zog die Stadt Menschen aus aller Welt an, die aus der Öde ihres Alltags entfliehen wollten.

Im 20er Jahre Style mit Anuthida und Frankie Miles

Berlin war nun offiziell eine Weltstadt.

Ironischerweise erinnert mich das Berlin der 20er Jahre auch knapp 100 Jahre später an das Berlin von heute. Auch heute ist Berlin berüchtigt für seine wilden und rauschenden Nächte, aber auch für die Toleranz und den politischen Diskurs. Dennoch – wie gerne würde ich Mäuschen spielen und mich in die Zeit der goldenen 20er Jahre reinversetzen, um Teil dieser Hochstimmung zu sein.

Doch so lange es keine Zeitreisen gibt, so gibt es immerhin Bücher, die uns das Gefühl einer anderen Zeit vermitteln können. Genau das passiert bei „die juten Sitten“ – dem neuen Hörspiel von Audible. Die Autorin Anna Basener entführt uns in die Zeit der goldenen Zwanziger Jahre und beleuchtet vor allem, was hinter geschlossenen Türen passiert und macht auch vor dem Tabuthema „Prostitution“ keinen Halt. Die Hauptfigur Hedi wächst nämlich in einem Berliner Bordell auf und lebt ein Leben zwischen Legalität und Illegalität, geprägt von starken und außergewöhnlichen Frauen. Im Rückblick erzählt sie von dieser Zeit mit ganz viel Liebe, Humor und natürlich Berliner Schnauze.

Bei dem Launch Event durfte ich auch die Autorin persönlich kennenlernen und habe die Gelegenheit genutzt ihr auch gleich ein paar Fragen zu dem heiklen Thema zu stellen.

Welcher Ort hat dich in Berlin zu der Geschichte inspiriert?

Es gab tatsächlich eine Kneipe, die „Die Ritze“ hieß, ein Ort für leichte Mädchen und schwere Jungs. Sie stand in der Mulackstraße, und ihr komplettes Interieur steht jetzt im Gründerzeitmuseum in Mahlsdorf, inklusive Hurenbock und Hurenstube. Ich habe das Museum besucht, und war so angetan von diesem Ort, dass ich unbedingt was dazu machen wollte.

Wie hast du zu dem Thema Prostitution in den 20ern informiert/recherchiert? 

Das geht vor allem literarisch, und dann führt ein Buch zum nächsten und man liest und liest … Aber besonders hilfreich war Mel Gordons „Sündiges Berlin“, ein Bildband über das Nachtleben dieser Zeit. Kann ich nur empfehlen. Allerdings sollte man das Buch nicht unbedingt in einem Café lesen, in dem Eltern mit jungen Kindern verkehren, die dann zwischen den Tischen herumtoben und zufällig einen Blick auf die Fotos darin erhaschen … man kommt in Erklärungsnot. Ich spreche aus Erfahrung.

Prostitution ist bis heute ein Tabuthema. Warum hast du dich dazu entschieden, ausgerechnet dazu ein Hörspiel zu schreiben?

Zum Teil genau deshalb. Eben weil es ein Tabuthema ist. Das Tabu führt dazu, dass Menschen ganz schnell eine Meinung zur Prostitution haben, ohne etwas darüber zu wissen. Es führt dazu, dass besonders die Frauen, die Sexarbeit nachgehen, stigmatisiert und sehr schnell zu Opfern werden. Es gibt aber viel mehr zu erzählen und andere Geschichten, als die des gefallenen Mädchens und des bösen Zuhälters.

Wie hat sich Prostitution von damals zu heute verändert?

Prostitution ist, wie alles, kapitalisiert und globalisiert worden. Heute arbeiten Frauen aus allen möglichen Ländern in Deutschland in der Branche – und kommen auch deswegen hierher. Das war 1927 anders, Arbeitsmigration kam unter Prostituierten nicht in der Größenordnung vor, wie heute. Außerdem verändert sich wohl auch die Zuhältersituation: Je legaler Prostitution wird, desto weniger Zuhälter. Wobei man ganz klar zwischen Prostitution und Zwangsprostitution unterscheiden muss. Arbeit und Zwangsarbeit ist nicht das Gleiche, und wenn ich über Sexarbeit spreche, meine ich selbstbestimmte Sexarbeit und keinen Menschenhandel.

Wie unterscheidet sich das Schreiben eines Hörbuchs im Vergleich zum klassischen Buch? Gibt es da unterschiedliche Herangehensweisen?

Ich schreibe auch in meinen Romanen sehr viel Dialoge, also bin ich von vorneherein schon relativ nah am Hörspiel dran. Aber beim Hörspiel-Schreiben geht es vor allem um einen Sinn: klar, das Hören. Was auch immer passiert, ich sollte wissen, wie es sich anhört. Wird die Tür geknallt? Quietscht sie? Hat sie ein Fenster, das womöglich scheppert? Außerdem ist ein Hörspiel ein B2B-Text. Das heißt, ich schreibe nicht primär für den Rezipienten, sondern erschaffe eine Arbeitsgrundlage für Schauspieler und Regisseurin. Das macht zwar inhaltlich nicht so viel aus, aber formal.

Welche Botschaft soll das Buch vermitteln?

Ernest Hemingway hat mal gesagt: „Wer eine Botschaft senden will, soll aufs Telegrafenamt gehen“. Das seh‘ ich ähnlich, es ist nicht die Aufgabe einer Autorin, Botschaften oder Moral zu verkünden, das ist was für Lehrbücher oder Märchen. Moral schreibt im Zweifel wirklich sehr langweilige Geschichten. Ich will genau das nicht, ich will sinnliche Geschichten und Figuren, die leben, lieben und Scheiße bauen. Das heißt aber nicht, dass ich nicht glaube, dass „Die juten Sitten“ am Ende nicht doch eine Botschaft haben kann und Hörer*innen daraus Erkenntnisse ziehen. Und wenn sie das tun, dann bin ich total interessiert daran und freu mich. Ich setze mich nur nicht mit der Intention an den Schreibtisch, dieses oder jenes zu vermitteln.

Ich will erzählen.

This post is also available in EN RU

März 28, 2019
Taged under - ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.