Ein langer Weg zur 30

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Heute ist es also soweit. Mein erster Tag mit einer 3 vorne dran. Fühle ich mich anders, als gestern? Ein bisschen vielleicht. Erwachsener irgendwie mit einer „Jetzt wird’s langsam ernst“-Stimmung. Dabei ist es doch eigentlich keine große Sache, schließlich ist es ein Tag wie jeder Andere. Gestern war ich 29, heute eben 30. Doch trotzdem ist irgendwie alles anders.

Fashion Editorial Shooting on a London Rooftop | The Savoy | via Masha Sedgwick | little black party dress from Turkish designer Zeynep Arcay | sexy, festive, chic | Parisienne
Kleid: Zeynep Arcay
Location: The Savoy London

An meinem letzten Tag als 29-Jährige musste ich weinen. Nicht weil ich nun älter werde, sondern weil es so ein langer Weg bis hierhin war. Ich blickte zurück und ich weinte um das Mädchen, das ich einst war. Ich weinte um die Erinnerungen, die ich nie gemacht habe und auch wegen derer, die mich zu dem Menschen machten, der ich heute bin. Ich weinte um die Unschuld eines Kindes und um den Kampfgeist eines kleinen Mädchens, das nie die Hoffnung verlor, dass sie einst zu einer selbstbestimmten Frau heranwachsen würde und alles hinter sich lassen würde. Dass kein Schmerz ewig währt, dass sie einfach nur stark bleiben muss und dass eines Tages alles gut wird. Und tatsächlich – genau so ist es auch gekommen.

Ich spreche meistens gar nicht viel über meine Vergangenheit, über meine Kindheit oder Jugend. Das mache ich sehr ungern, denn diese Zeit ist mit vielen Erinnerungen gespickt, die ich gerne ausblenden würde. Manche davon habe ich so tief vergraben, dass ich sie mit Niemanden teile. Tatsache ist aber, dass ich keine allzu glückliche Kindheit hatte. Zwar auch keine brutal-unvorstellbar Schlimme, aber eben auch keine glückliche. Meine Eltern haben sich damals scheiden lassen, als ich noch in die Grundschule ging. Mein Vater, den ich über alles geliebt habe und der mir bis dahin ein wunderbarer Vater war, ist plötzlich sang- und klanglos verschwunden und ich habe die nächsten Jahre auch nichts mehr von ihm gehört. Er war einfach weg. Er hat mich meiner Mutter überlassen, die damals, vorsichtig formuliert, überfordert war mit der Situation. Ich hatte kurze Zeit später einen Stiefvater, der ebenfalls emotional und körperlich nicht grade zimperlich mit mir umgegangen ist und mir das Gefühl gab, ich wäre der Störfaktor in einer Beziehung, die nur zwischen ihm und meiner Mama stattfindet. Das war nicht immer einfach.

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Dieses Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, das essentiell ist für eine gesunde Kindheit, hatte ich selten.
Wie sehr habe ich mir eine normale Familie gewünscht, ähnlich wie die Familien, wie meine Freunde sie hatten, bei denen ich so gerne Zuhause war. In meinem eigenen Zuhause habe mich nie wirklich Willkommen gefühlt, denn weil wir alle 2 Jahre umgezogen sind, hatte ich zwar ein wunderschönes Kinderzimmer, denn fehlen sollte es mir an nichts, aber der Rest der Wohnung war karg und leer. Es gab kein Wohnzimmer, sondern nur einen leeren Raum, teilweise hatten wir nicht mal Tapeten, oder etwas, das Wohnlichkeit ausgestrahlt hätte, geschweige denn Deko, Pflanzen oder persönliche Erinnerungen. Ich glaube es gab nicht mal einen großen Tisch an dem wir gemeinsam zu Abend gegessen hätten und einander von dem Tag erzählt hätten. Etwas, das für mich heute selbstverständlich ist, gab es damals einfach nicht.

So habe ich sehr viel Zeit alleine verbracht und auch alleine gespielt. Entweder habe ich mir meine eigene Welt ausgedacht, oder ich bin einfach rausgegangen, habe mir die kostenlosen Zeitungen geholt, mir die Wohnungsanzeigen durchgelesen und mir vorgestellt, wie es wäre alleine zu wohnen und frei zu sein. Mit diesem Gedankenspiel habe ich Tage, Wochen, Monate verbracht.

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Das selbstständige Wohnen kam dann auch eher als gedacht, denn schon als Teenager wohnte ich nahezu allein, sorgte für mich selbst, während meine Mutter für einige Jahre, endlich losgelöst von meinem brutalen Stiefvater, ihre private und berufliche Erfüllung in einem anderen Land suchte. Für mich wendete sich das Leben damit zu einem Besseren: zwar lebte ich bereits mit 15 Jahren alleine, aber dafür fühlte ich mich wenigstens selbstbestimmt und störte mich schon lange nicht mehr an dem Gefühl der Einsamkeit, das bis dahin mein stetiger Begleiter war. Und wer hätte das gedacht? Mit ein paar tausend Kilometern zwischen uns, besserte sich auch das Verhältnis zu meiner Mutter. Heute weiss ich, dass sie es auch nicht einfach hatte. Sie hat ihr Bestes gegeben und mir viel mehr Liebe, als ihr selbst zukam, auch wenn es dennoch nicht genug war. Ich verstehe sie heute viel besser, als damals und kann auch die ein oder andere Entscheidung besser nachvollziehen. Ich weiss heute, dass sie mich unendlich geliebt hat und so selten Zuhause und so oft gestresst war, weil sie beruflich Gas gegeben hat, damit ich es besser habe, als sie. Damit ich keinen Hunger leide, damit ich in einem sicheren Land aufwachsen kann und mich entfalten kann. Das habe ich dann auch getan und dabei gelernt zu kämpfen.

Heute sind es nur kleine Erinnerungsfetzen.
Bruchstücke, die mich an mein altes Leben erinnern.
Momentaufnahmen, die sich in mein Gedächtnis gebrannt haben.
Wenn ich mich an sie erinnere, dann fühlt sich das manchmal an, als würde ich mein Leben von außen beobachten und weniger, dass ich dieses Leben tatsächlich gelebt habe. Wenn ich an meine Kindheit denke, dann scheint mir das so ewig weit weg, wie ein Film, den man vor langer Zeit mal gesehen hat und der irgendwie hängen geblieben ist.

Ist das alles wirklich passiert? Ja.

Doch es ist eben auch vergangen. Welche Bedeutung hat also die Vergangenheit? Was ist davon geblieben? Einige Erinnerung und hin und wieder das Gefühl nicht genug zu sein, nicht liebenswert und irgendwie auch wertlos. Bis heute kämpfe ich dagegen an, mir meinen Wert nicht erst verdienen zu müssen, sondern auch einfach genug zu sein. Dass es ok ist, geliebt zu werden, auch ohne Gegenleistung. Und vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich so gerne Bloggerin bin. Ich kehre mein inneres nach außen und bekomme dafür: Geborgenheit. Doch noch etwas ist geblieben: mein Kampfgeist und die Gewissheit, dass ich stark bin.

Wenn ich heute, frischgebackene 30, auf mich und mein Leben bis dahin blicke, dann bin ich vor allem stolz. Ich bin stolz drauf, dass ich an die Liebe, an das Gute, an die Menschen und auch an mich selbst glaube.
Ich bin keine Sklavin meiner Ängste mehr. Ich konnte mich von meinen Fesseln befreien und habe fliegen gelernt.
Wenn das kein Anlass zum Feiern ist, dann weiss ich auch nicht.

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März 23, 2019

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8 Kommentare

  1. Oh, so schöne Bilder Masha!
    Und toller Post… ich finde es mega, dass du so private, persönliche Details aus deinem Leben mit uns teilst und so offen und ehrlich mit uns bist.

    Nachträglich alles alles Liebe und Gute zum 30. Geburtstag – auf ein wundervolles Jahr! <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    https://www.themarquisediamond.de/

  2. Wow Masha. Ein ganz toller, emotionaler und vorallem ehrlicher Beitrag. Es ist großartig, was du aus deinem Leben gemacht hast. Am Ende prägen uns doch alle Erfahrungen, die Guten als auch die Schlechten, und machen uns zu dem was wir heute sind. Du kannst so stolz sein auf dich. Ich spreche ungern von Vorbildern, besonderns wenn man die Personen nicht persönlich kennt, aber Lisa und du – ihr seid so etwas. Einfach inspirierend und zum Nachdenken anregend. Alles alles Gute für die Zukunft. Auf viele, hoffentlich überwiegend postive, neue Erfahrungen und Erlebnisse. Herzliche Grüße, Maria

    1. Danke liebe Maria! Das ehrt mich wirklich sehr.
      Ich glaube es ist nicht einfach von Vorbildern zu sprechen, aber auch ich habe heimlich hier und da Frauen, bei denen ich mir gerne was abschaue :)

  3. Gratuliere dir zum Geburtstag und ich wünsch dir alles Gute in deinem neuen Lebensjahr! Du bist einen starken Weg gegangen, dein Post ist sehr schön :)
    Ich find ü30 großartig und doch gar nicht so anders als die 20er. Mein 30. Geburtstag ist an mir irgendwie komplett vorüber gegangen (zugegeben ich war höchst-schwanger an dem tag und nicht mehr auf mich fokussiert) aber irgendwie fühl ich mich jetzt so richtig in der selbstbewusstersten, geerdetsten stärksten phase meines Lebens…
    Alles gute noch!

  4. Welch ein emotionaler Post meine Liebe. An dieser Stelle auch noch am alles alles Liebe!!! Du hast dich wirklich wahnsinnig entwickelt. Ich wage das zu behaupten, da ich sich schon sooooo lange lese. Du hast dich zu einer tollen,reifen, klugen und bewundernswerten Frau entwickelt und hast allen Grund stz auf dich zu sein. Irgendwie ist es wirklich komisch 30 zu werden…eigentlich ist es nur eine Zahl aber ja, es ändert sich etwas..zumindest ging es mir so. Ist das dieses erwachsen sein, von dem alle Reden?
    Oder die Bewusstwerdung des bisherigen Lebensweg? What ever…
    Bleib so wie du bist, denn so bist du genau richtig!!

    Much love