Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit.

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„Essen? Du brauchst was zu essen? Dann komm mit, ich hol dir was!“
Mit diesen Worten ließ mich mein Cousin stehen, ging mit einem nicht ganz schlanken Teenager in ein Schnellrestaurant und kam rund 5 Minuten später wieder zurück, während ich auf ihn draußen wartete. Ich schaute ihn fragend an, er zuckte nur mit den Achseln und sagte: „Er meinte, er hätte Hunger, also habe ich ihm was zu essen gekauft!“

Damit war für ihn das Thema abgeschlossen und ich verstand, dass er das nicht zum ersten Mal machte.

Ich frage mich, ob ich genauso reagiert hätte. Vermutlich hätte ich diesen leicht pummeligen Jungen mit seinem Roller gesehen, hätte ein kurzes, kaltes Urteil gefällt und wäre weitergegangen. Ich hätte ihm vielleicht nicht mal Gehör geschenkt.

„Wir passen aufeinander auf.“
Er sagt das mit Stolz und Selbstverständlichkeit in der Stimme und man merkt, wie wichtig ihm dieses Gefühl der Sicherheit ist in einer Schieflage selbst aufgefangen werden zu können.
Diese Sicherheit in der Unsicherheit.

In diesen Tagen lernte ich nicht nicht nur viel über Israel, sondern auch über Menschlichkeit.


„Ich kann nicht sagen, was es genau ist, das uns in Frieden miteinander leben lässt. Ich glaube uns verbindet diese Stadt einfach.“ sagte der private Tourguide, der uns durch Jerusalem führt. Wir laufen von einer Straße in die Nächste und damit von einem Extrem ins Nächste. Wir treffen Moslems, Juden, Christen in jeglicher Form und Abspaltung. Das alles auf grade mal einem Quadratkilometer.

Plötzlich versteht man, warum hier die Stimmung so schnell überkocht. Hier wohnen Extreme Tür an Tür. Menschen, wie sie kaum unterschiedlicher sein könnten und doch irgendwie gleich sind. Menschen, deren Religionen sie voneinander trennen und gleichzeitig auch durch die Stadt verbinden.

Auch hier spürt man wieder das unsichtbare Band des Zusammenhalts, nicht nur in der eigenen Gruppe, sondern auch untereinander gemischt. Ich versuche die Bilder von Hass und Krieg mit den Bildern, die ich hier vor Ort sehe, zusammenzubringen, doch sie wollen sich nicht zusammenfügen.

Ist die Grenze zwischen Krieg und Frieden am Ende doch verschwommen?


„Ihr müsst zum Boulevard? Ich muss eh in die Richtung, kommt mit!“, sagte die schöne, junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren und dem schnellen Schritt, die mich ein bisschen an Lisbeth Salander erinnerte. Sie hat gehört, wie ich mit meiner Mama über die Richtung zum Hotel stritt und unser Gespräch unterbrochen, um uns zu helfen. Die nächsten 10 Minuten durften wir sie begleiten und bekamen neben einer kleinen Sightseeing Tour auch einen Einblick in ihr Leben und ihren Alltag.

„Wenn Raketen fliegen, klappen der Boden hier auf und du kannst dich verstecken.“ sagte sie im Vorbeigehen und deutete auf den Boden. „Da hinten auf den Bänken hört man sogar klassische Musik.“ Sie sagt es, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
„Hast du schon viele Raketen gesehen?“
„Ja.“
sagte sie schulterzuckend, „und auch schon zwei Terroranschläge. Den Ersten mit 6. Wir gingen spazieren und plötzlich ist etwas explodiert. Das war damals noch, bevor es Handys & Co gab. Da wusstest du noch nicht sofort, ob es nicht auch deine Freunde und Familie erwischt hat.“

Es ist nun mal eine andere Lebensrealität, die diese Menschen prägt. Ihr Leben ist kein Wartesaal für den nächsten Urlaub, die nächste Gehaltsüberweisung, den nächsten Sommer. Sie leben bewusster, intensiver und vor allem:

im Hier und Jetzt

Das macht sie zu aufmerksameren, toleranteren und lebensfreudigeren Menschen. Kein Wunder, dass Konsumgüter wie Autos, Kleidung und anderer Kram nur eine Nebenrolle in ihrem Leben spielen, wenn man vor der Herausforderung des Überlebens steht. Welchen Stellenwert haben diese Dinge, wenn man keinen anderen Zustand, als den des Krieges um sich herum kennt?

Welchen Stellenwert haben dann im Vergleich dazu Werte wie Menschlichkeit, wie Zivilcourage und Zusammenhalt?

Ich fragte mich, wo diese Werte wie Zivilcourage anfangen, und wo sie aufhören? Wo ziehe ich für mich persönlich die Grenze? Wo zeige ich mich besonders sozial? Wo besonders mutig? Wo im Kleinen? Wo im Großen?

Wir helfen gerne Anderen, aber bleiben lieber auf Abstand.
Wir schauen nicht hin, schauen aber auch nicht weg.
Wir spenden gerne Geld, aber keine Wärme.
Wir fordern Zusammenhalt, doch am Ende kämpft jeder für sich allein.

Als ich darüber nachdachte, schämte ich mich ein bisschen, denn im Vergleich zu diesem Schlag Mensch, sind unsere Prioritäten deutlich verschoben: uns ist Hygge wichtig, Digitalpolitik und unsere individuelle Entfaltung. Wir prädigen zwar Menschenrechte und eine inklusive Gesellschaft, aber ins Parlament ziehen am Ende die Konservativen ein. Wir sind zwar miteinander vernetzt, hinterlassen uns gegenseitig Likes und setzen laut auf Nachbarschaftshilfe, doch was ist, wenn man mal wirklich Hilfe brauch?

Bei uns gibt es statt Krieg nicht nur Frieden, sondern auch Freude und Eierkuchen. Und doch – etwas fehlt.
Es ist die Menschlichkeit.

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April 13, 2019
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9 Kommentare

  1. Hallo Masha,
    ein wirklich wunderschöner Artikel, den ich so auch aus meinen Erfahrungen bestätigen kann. Jerusalem ist einfach eine einmalige Stadt und das Gefühl, als ich da war lässt sich einfach sehr schwer in Worte fassen. Aber auch ich habe erlebt, wie unglaublich freundlich die Israelis sind, was mir hier in Deutschland dann doch hin und wieder etwas fehlt.
    Beste Grüße,
    Svenja von All the wonderful things

  2. Dankeschön Masha, dass du deine Gedanken dazu mit den Lesern teilst. Du hast mir zum Thema Menschlichkeit aus der Seele gesprochen. Es sind Fragen auf die ich bisher wenige Antworten finde und genau darum tut es gut diese gespiegelt zu finden.

    Liebe Grüße

  3. Toller Artikel. Ich bin sehr stark der Ansicht, dass uns Menschlichkeit als Tugend in unserer heutigen Gesellschaft fehlt. Menschen sind darauf erpicht immer nach ihrem eigenen Vorteil zu handeln, haben Angst davor etwas von ihrem eigenen Wohlstand oder Statur zu verlieren ( vor allem in Anbetracht des Flüchtlingszuwachses) und selbst in Beziehungen hört man sich oft nicht mehr gegenseitig zu, achtet auf die gegensätzlichen Bedürfnisse und hat Schwierigkeiten damit zurückzustecken oder zu teilen. Und wenn diese ganze Thematik schon zwischen sich mögenden Menschen zu einem Disput wird, wie schwer muss es sein all diese Zugeständnisse fremden Menschen zu machen oder seine Hilfe, Zeit und sein Geld mit ihnen zu teilen. Ich spreche nicht von mir – ich lebe nach dem „guten-Karma-Prinzip“, selbst wenn ich auch manchmal unbewusst von Vorurteilen oder meinem eigenen Vorteil geleitet werde ( wofür ich mich schäme – nebenbei gesagt).
    Aber dies sind die Schlussfolgerungen, die ich aus Beobachtungen und Gesprächen gezogen habe. Und all das macht mich oft traurig, weil mir – wie du es oben schon beschrieben hast – die Menschlichkeit, die Gemeinschaftlichkeit fehlt.

    1. Es war mir eigentlich gar nicht so sehr bewusst, bis ich dann dort war und eben echte Menschlichkeit gesehen habe. Vorher war ich gar nicht unbedingt der Ansicht, dass wir hier besonders wenig davon besitzen – im Gegenteil. Schließlich sind wir doch die Zivilisierten, die kein Geld in Militär, etc. stecken.

      Ich glaube aber auch, dass sich möglicherweise auch dieser Punkt mit der . Zeit ändern könnte. Vor allem dann, wenn wir dazu gezwungen werden, wieder mehr als Gemeinschaft zu handeln.

  4. Liebe Masha,
    gerade die letzten paar Sätze, die du geschrieben hast, haben mir eine Gänsehaut gegeben! „Wir helfen gerne Anderen, aber bleiben lieber auf Abstand.“
    Das ist SO wahr! Ich habe generell das Gefühl, dass Deutsche schon hilfsbereite Menschen sind, aber wenn ich sehe, wie die bosnische Community (mein Mann ist Bosnier) hier in Deutschland zusammenhält und wie sich in Sarajevo Nachbarn gegenseitig unterstützen, dann schäme ich mich manchmal ein bisschen. Da nehmen wirklich Leute für völlig Fremde den Telefonhörer in die Hand, um sich nach einem Job zu erkundigen oder nehmen entfernte Bekannte ganz selbstverständlich in ihr Haus auf und noch vieles Mehr. Gemeinschaft und Menschlichkeit – das ist eben etwas ganz anderes, als eine Gemeinschaft, die doch nur allein nebeneinander herlebt…
    Liebe Grüße,
    Kathi

    1. Hi Kathi,
      ich finde auch, dass wir Deutschen grundsätzlich hilfsbereit sind – aber auch eben distanziert. Ich glaube, was ich in Israel beobachtet habe, hätte ich auch in anderen südlichen Ländern beobachten können, die mit Krieg konfrontiert wurden. Es ist fast so, als hätte das menschliche Leben dort einfach einen anderen Stellenwert.