Entwaffnende Freundlichkeit statt sprachlicher Zügellosigkeit

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„Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und eine gute Reise!“
Es klingt aufrichtig, als würde er es wirklich so meinen und unterstreicht diese Freundlichkeit noch mit einem gutmütigen Lächeln, das sich unter seinem grauen Bart abzeichnet.

Ein herzliches Strahlen, ein nettes Wort – sofort hellt sich meine Stimmung auf – dabei ist es noch keine 8 Uhr und ich dementsprechend noch nicht wirklich anwesend. Während ich also noch gegen die Müdigkeit ankämpfe, nehme ich das freundliche Lächeln bereitwillig an, das mein Gegenüber mir schenkt, schenke ihm eins von meinen und wünsche ihm ebenfalls noch einen schönen Tag.

„Wenn man doch immer nur so nett zueinander sein könnte“, denke ich mir und kann einem tiefen Seufzen nicht widerstehen, gepaart aus Wehmut und Müdigkeit.

Woher nehmen die Menschen morgens nur immer ihre gute Laune und Energie? Liegt es an dem frischen Tag? Daran, dass sich noch kein Frust über den Tag angestaut hat, wenn man permanent mit der schlechten Laune der Anderen konfrontiert wird? Vielleicht sind viele grundpositive Menschen bereits morgens schon gut gelaunt und viele negative Menschen morgens noch zu müde ihre schlechte Laune an Anderen auszulassen? Vielleicht hat man morgens auch noch gute Laune, weil man noch nicht allzu viel Zeit online, sondern eher offline verbracht hat. 

Mir fallen viele gute Gründe ein, doch eine Sache ist klar: 
Gute Laune kommt selten aus dem Internet.

Ich öffne Facebook und bereue es schon in derselben Sekunde. Ich habe das Gefühl es ist ein Ort der Frustration geworden, in dem die Hater die Oberhand gewonnen haben. Alle Anderen haben das Schiff verlassen – nun sinkt es. Auch Twitter öffne ich meist eher dann, wenn ich mich bereit fühle die Dummheit Anderer zu ertragen. Und selbst Instagram hinterlässt bei mir häufig das negative Gefühl zurück mein Leben wäre nicht genug. 

In solchen Momenten ziehe ich den Stecker – und bin offline. Wozu den negativen Gefühlen mehr Raum geben?

Frust, Ärger, Hass

Ich frage mich manchmal, was Menschen dazu bringt sich im Internet so auszulassen, andere Menschen anzugreifen und verletzende und beleidigende Kommentare zu verschicken – idealerweise persönlich adressiert. Dabei geht es nicht um falsche Scheu: Ich kann streiten, wenn es sein muss, es ist nur so, dass ich wirklich keinerlei Freude am Streiten habe und auch das Diskutieren halte ich eher für ein notwendiges Übel und betrachte es eher als Teil meiner Verantwortung, wenn ich sehe, dass beispielsweise menschenfeindliche Meinungen vertreten werden. Ich kann dann nicht anders. Doch die Leidenschaft für die Sache selbst wird oft mit einer Leidenschaft zum Streiten verwechselt. 

Kein Wunder, schließlich geht es vielen auch nicht um die Sache. In den letzten Jahren der unzähligen Diskussionen und Debatten musste ich lernen, dass man manchmal laut sprechen muss, weil gute Argumente sonst schlichtweg überhört werden. 
Ich musste lernen, dass sprachliche Dominanz nicht immer an gute Argumente geknüpft ist, sondern oft nur an Rhetorik

Vor allem musste ich lernen, dass es oft nichts bringt zu diskutieren, weil nur die wenigsten Menschen in einer Diskussion auch wirklich diskutieren wollen. 

In meinen Augen zieht eine echte Debatte die logische Konsequenz nach sich, bei nachvollziehbaren Argumenten die Meinung zu ändern. Doch viele diskutieren nur, um ihre Position weiter zu verteidigen und den Anderen überzeugen zu wollen, statt selbst Bereitschaft zu zeigen umzudenken. 

Woher kommt diese Sturheit?
Und vor allem: woher kommt die Bereitschaft so mutwillig Andere im Internet verletzten zu wollen?

Hasskommentare und Mobbing – auch das ist ein trauriges Phänomen unserer digitalen Welt. Ich frage mich, ob die Menschen sich offline genauso verhalten würden und ich bezweifle es. Aber warum sehen manche nur das Icon und nicht mehr den Menschen dahinter? 

Warum unterscheiden wir noch bei Hate zwischen online und offline? Und – sollte nicht jeder mittlerweile wissen, dass Worte manchmal schlimmer sein können als Taten und emotionaler Schmerz schlimmer als körperlicher? Viele scheinen auch entwaffnende Ehrlichkeit mit sprachlicher Zügellosigkeit zu verwechseln. Dabei ist es auch die Verrohung der Sprache, die heute zu elementaren Problemen unserer Gesellschaft führt, wie Ausgrenzung und Diskriminierung.

Versteht mich nicht falsch, ich finde Ehrlichkeit, auch Direktheit, sehr wichtig und betrachte es im Alltag oft selbst als Herausforderung unmittelbare Direktheit nicht mit Unfreundlichkeit zu verwechseln, aber der Drahtseilakt einer guten Kommunikation besteht eben daraus Ehrlichkeit und Einfühlungsvermögen miteinander zu verknüpfen.

Warum ist es bloss so schwer für viele von uns?
Vermutlich, weil es uns Niemand wirklich beibringt?
Wenn doch Kommunikation einer der wichtigsten Skills im heutigen Berufsleben darstellt, warum wird das in der Schule nicht behandelt?
Warum lernen wir nicht, wie wir gewaltfrei miteinander reden?

Wie viele Krisen, wie viele Kriege und wie viel Leid hätte man vermeiden können, wenn alle Menschen verstünden, wie man sich respektvoll unterhält, sich auf Augenhöhe begegnet und den Anderen so anspricht, wie man es sich selbst wünschen würde?

Und während ich noch darüber nachdenke, wie viel besser die Welt wäre mit ein bisschen mehr Nettigkeit, öffne ich Twitter und lese mir ein paar Tweets durch. Trump, einer der führenden Leader unserer Zeit, hat mal wieder was getwittert.
Irgendwas in mir weigert sich dennoch die Hoffnung aufzugeben.

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Oktober 28, 2019

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2 Kommentare

  1. Ich halte es so: Ich bin zu allen Menschen per default erstmal höflich und freundlich, zu ALLEN, Das gibt mir ein gutes Gefühl, und das zieht auch immer ähnlich höfliche Menschen an bzw. bessert meist die Reaktion des Gegenübers. Witzig finde ich es aber immer wieder, wenn sehr online-affine Menschen, die man ebenda für freundlich, offen und höflich hielt, IRL auf ein neutrales, angebrachtes „Hallo“, ja selbst auf ein höfliches Nicken in einem entsprechenden Setting (von Event bis Treppenhaus) wie verschreckte, mißmutige Rehe im Scheinwerferlicht reagieren ))))))