Ich fühle zu viel.

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Ich schließe die Augen. Stille.
Im Hintergrund höre ich das ferne Rauschen der Großstadt.
Eine bunte Mischung aus Stimmen, Autos, Straßenbahn, Musik und Vögeln. Doch in meinem Kopf herrscht für einen Augenblick einfach nur Stille. Ich öffne meine Augen, blicke auf die Straße und auf das bunte Treiben. Diese Kreuzung erinnert mich ein wenig an mein eigenes Gefühlsleben: Lauter Autos die in gegensätzliche Richtungen fahren, anhalten, weiterfahren.

Ich schließe die Augen.
Einatmen. Ausatmen.
Ich konzentriere mich auf meine Atmung und höre ganz tief in mich rein. Ich habe das Gefühl in mir ist eine Art verknotetes Wollknäuel aus Emotionen, die ich nicht genauer bestimmen kann. Dieses Knäuel fühlt sich kratzig an, irgendwie undefinierbar und rau.

Ich versuche einen der vielen abstehenden Fäden zu greifen, zu sortieren, auszurollen, neu aufzurollen. Ich versuche zu verstehen, was das alles für Emotionen sind, die mir den Brustkorb zuschnüren und diese Beklemmungen auslösen.

Da ist viel beruflicher Druck:
Deadlines, die knapp gesetzt sind, Komplikationen, die im Voraus nicht absehbar waren und die Angst dem eigenen professionellen Anspruch nicht gerecht zu werden.
Habe ich mich vielleicht doch übernommen?
Sollte ich kürzer treten?
Darf ich das überhaupt?

Ich greife diesen Faden auf und versuche ihn neu aufzurollen:
Es gibt keinen Druck. Ich mache mir den Druck selbst und ich sollte die Dinge einfach passieren lassen und mehr in der Gegenwart leben, statt Angst vor einer ungewissen Zukunft zu haben. Manche Dinge passieren einfach und ich habe es oft nicht in der Hand. Klar, ich kann mein Bestes geben, doch Glück und Zufall kann man nicht beeinflussen. Alles was ich tun kann, ist einen Schritt vor den nächsten zu setzen und aufs Beste zu hoffen. Und während ich mir das bewusst mache, löse ich diesen Faden und fädle ihn neu auf.


Da ist viel privater Druck:
Ich denke an das überfüllte Postfach, an die vielen unbeantworteten Nachrichten auf WhatsApp und die Enttäuschungen, die daraus folgen. Ich frage mich manchmal, ob andere Menschen ähnlich viele Nachrichten am Tag bekommen, dass sie sich selbst von Nachrichten enger Freunde und Familie erschlagen fühlen. Wie sehr ich es hasse, theoretisch immer und überall für alle erreichbar zu sein. Woher kommt dieser Widerstand?
Ist es normal, dass man nicht mal Lust hat auf die Nachrichten der Engsten zu reagieren? Ich wäre so gerne für alle da, aber irgendwie fehlt mir manchmal die Kraft dazu.

„Sie werden es schon verstehen“, denke ich mir,“und wenn es wirklich wichtig ist, rufen sie schon an.“
Das klingt selbst in meinen Ohren egoistisch, aber ich weiß auch, dass hin und wieder meine Push-Benachrichtigungen zu ignorieren der einzige Weg ist, nicht durchzudrehen. Ein emotionaler Break-Down wäre sonst vermutlich die Konsequenz und das wünscht sich sicherlich auch niemand für mich. Es sind schlichtweg meine selbstgesteckten Grenzen an Kommunikation, die ich versuche einzuhalten und das ist okay. Auch dieser Faden löst sich von alleine.

Da ist Ekel:
Ich muss plötzlich an die Menschen denken, die mir in den letzten Tage zu nahe gekommen sind. Betrunkene, die mich festhielten, bedrängten oder einfach keinen körperlich Abstand beim Reden hielten, insbesondere, wenn sie ein paar Bier mehr getrunken hatten. Diese körperliche Übergriffigkeit hat mein inneres Wohlbefinden gestört und es ist ein bisschen so, als versuche ich dieses Gefühl abzuschütteln, aber es funktioniert nicht.

Ich mag es nicht, einfach von Fremden angefasst zu werden und fühle mich wohler mit etwas mehr Raum um mich. Generell fühle ich mich manchmal unwohl bei großen Veranstaltungen und bekomme schnell einen Fluchtreflex.
Ich atme tief ein und versuche mir bewusst zu machen, dass diese Menschen keine echten Spuren hinterlassen haben. Mein Körper ist noch immer mein Körper. Und: Es ist okay sich bereits bedrängt zu fühlen, wenn jemand zu nah bei dir steht, wenn er dich vollquatscht. Es ist okay Abstand halten zu wollen, selbst wenn es ein nettes Gespräch ist.
Ausgerechnet dieses Gefühl löst in mir so viel Widersprüchlichkeit aus Ekel, Scham und schlechtes Gewissen aus, aber auch diesen Faden versuche ich aufzulösen. Einige Knoten bleiben dennoch.


Da ist Müdigkeit:
Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ausgeschlafen? Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Ich denke an mein kuscheliges Bett, an meinen Freund, der sich an mich schmiegt und mich mit seinem Körper umhüllt wie eine warme Decke und natürlich an meine flauschigen Katzen, die wie ein Wärmekissen, ganz fest an meinen Körper gepresst sind und nicht nur Wärme, sondern auch Liebe spenden. Ich empfinde Frieden und Vorfreude.


Da ist Ärger:
Ich denke an die Menschen, die ungefragt meine Kraft und Energie geraubt haben und das auch noch als wertvolles Gespräch betrachtet haben, obwohl sie nichts dazu beigetragen haben, außer mir ein schlechtes Gefühl zu vermitteln, mich unzureichend fühlen zu lassen oder mich mit ihren negativen Emotionen zu belasten. Dieser Faden hat besonders viele Knoten, ich ziehe daran, doch er lässt sich nicht so einfach lösen.

Und während ich meine Augen schließe und nach der Ruhe in mir suche, ertrage ich die Lautstärke meiner widersprüchlichen Emotionen nicht. Sie schreien und buhlen um meine Aufmerksamkeit und nehmen sich einfach den Raum, den ich ihnen eigentlich nicht geben möchte.

Ich glaube das ist das Schlimmste:
Negative Emotionen kann man nicht ignorieren.
Man kann sie nur zulassen.

Ich bin ein sehr emphatischer Mensch, der ziemlich sensibel auf die Vibes Anderer reagiert. Ich versuche möglichst viel gute Energie in mir zu tragen, doch ich bin keine Zapfsäule an der sich jeder bedienen kann. Doch genau das ist passiert und so fühle ich mich schlichtweg leer. Mein eigener Energie-Haushalt ist komplett aufgebraucht und ich fühle mich kraftlos, unmotiviert und als hätte man mir jegliche positive Emotion genommen.


Es ist nämlich so:
Was Energie angeht, so bin ich alles andere als geizig. Ich teile gerne meine gute Laune, lache gern, höre gerne zu und ich mag es Aufmerksamkeit zu schenken. Ich betrachte meine volle Aufmerksamkeit und mein Interesse an einem Menschen als Geschenk, das ich gerne weitergebe. Ich interessiere mich für Andere – ganz aufrichtig. Dennoch möchte ich selbst bestimmen, wem ich dieses Geschenk zuteil werden lasse. Doch es gibt Menschen, die stehlen mir ungefragt meine Energie und Lebenskraft. Diese Energievampire verlangen meine Aufmerksamkeit, drängen sich auf, spielen sich auf und schaffen eine Atmosphäre des Unwohlseins, die alle herum runterzieht. Sie drücken ungefragt die Stimmung, indem sie alles schlecht machen, sich selbst in den Mittelpunkt stellen und mehr Aufmerksamkeit verlangen, als man eigentlich zu geben bereit ist. Das Resultat ist das Gefühl sich anschließend leer zu fühlen und das Bedürfnis seinen eigenen Speicher auffüllen zu wollen. Und während ich das begreife, löst sich dieses Chaos an Emotionen langsam auf.

Ich schaue raus, diesmal nicht auf die Straße, sondern auf die grüne Wiese, auf der Kinder und Hunde spielen und die letzten Sonnenstrahlen genießen. Ich genieße die ausgelassenen Stimmen im Hintergrund, die Sonne auf meinem Gesicht, den Geruch von Regen in der Luft und das nasse Gras unter meinen Händen. Ich schließe die Augen, atme tief ein und aus und tanke positive Energie.
Irgendwer wird sich sicherlich über dieses Geschenk freuen.

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September 28, 2019
Category - sonntagspost

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8 Kommentare

  1. Erstmal Off-Topic: ich hoffe sehr, du wirst uns irgendwann mit einem Buch von dir bereichern.. 🙂

    Nun, zum Thema: du bist nicht alleine. Die Energie-Kobolde – so heißen wie bei mir, sind überall. Meist wissen sie ja nicht mal, was sie auslösen. Genau so egoistisch muss man diesen Menschen leider auch gegenüber treten, denn es nimmt einem so viel. Wertvolle Zeit und Energie. Und obwohl mein Job alles andere als digital ist, sitze ich manchmal an solchen Tagen, wie du hier beschreibst, schon mitten in der Nacht, wenn nur noch Stille um mich rum ist an meinem Handy und beantworte 30 Minuten lang Nachrichten. Und bis man fertig ist, sind schon wieder 10 neue da.. wie kann einen das nicht manchmal erschlagen?
    Da hilft nur durchatmen…. und manchmal, wenn mir alles über den Kopf wächst, dann „zoome“ ich mich raus, wie im Video, raus aus mir, aus der Wohnung aus der Stadt, von der Erde und dann weiß ich, dass die ganze Gedanken alle so unbedeutend sind.. das entspannt!!
    Danke, dass du deine Gedanken teilst!

    1. Hi Jasmin,
      off-topic: ich plane tatsächlich nächstes Jahr eins zu schreiben. Ich habe mir das fest vorgenommen mir diesen Traum endlich zu erfüllen!

      Ich finde diesen Vergleich mit dem Zoomen total schön. So geht es mir auch oftmals. Manchmal hört man einfach nichts mehr von mir, weil ich dann beschließe dass es einfach reicht. Ich verliere mich sonst, wenn ich so viel kommuniziere :/

  2. Du sprichst mir mit allen Punkten aus der Seele und ich kann Deine Gefühle wunderbar nach empfinden
    Danke für den Post und Deine Offenheit
    Iris

  3. Hi Masha,
    gerade habe ich diesen Post zu Ende gelesen und dachte :“Wow. So genial geschrieben. Wenn ich jetzt herunterscolle, sind da soo viele Kommentare, die das bestätigen.“ Tatsächlich war da nur einer! Ich liebe deine Beiträge und auch ich schreibe nicht immer einen Kommentar,auch wenn ich sie alle lese. Mach bitte so weiter, deine Gedanken sind sehr inspirierend und es tut gut, auch mal Wahrheiten und Realitäten zu lesen statt immer nur „Das Leben ist das Geilste überhaupt.“
    Danke dir.
    Liebe Grüße,
    Vanessa

    1. Danke liebe Vanessa,

      ja seit einiger Zeit wird fast nur noch auf Instagram kommentiert, deswegen bekommt man es leider nicht so mit :(

      Ich freue mich auf jeden Fall sehr über deinen Blog Kommentar! Es ist immer schön verstanden zu werden <3

      Alles Liebe,
      Masha

  4. Hi Masha,

    in vielen Dingen in deinen Text finde ich mich wieder. Ich kenne dieses Beklemmungsgefühl nur zu gut und habe mich schon oft gefragt, ob da mit mir irgendwas nicht stimmt. Doch wie so oft stellt ich fest: Am Ende haben wir doch alle ähnliche Probleme, Ängste, Sorgen… Manchmal schaffe ich es dieses ekelhafte Gefühl in der Brust aufzulösen, indem ich tief in mich gehe und versuche den Ursprung zu finden. Doch oft sind es, so wie auch du es schilderst, einfach viele kleine Dinge, die sich zusammen wie ein schwerer Stein anfühlen. Dieses Gefühl ist irgendwie so undefinierbar, es hat etwas von Traurigkeit, von Sorge, von sich selbst nicht genug sein, aber gleichzeitig ist es irgendwie auch Nervosität und Anspannung und am Ende ist da aber einfach nur Leere und nichts-fühlen. Man sollte eigentlich einfach mal einen Tag im Bett verbringen, losweinen und erstmal nicht mehr damit aufhören. Aber da kommt einfach nichts.

    Jetzt habe ich schon so viel geschrieben, aber trotzdem möchte ich zu deinem Punkt mit den Freunden noch etwas sagen. Ich denke, Freunde, die dich gut kennen und deshalb eben auch wissen, dass in dir manchmal einfach zu viel los ist, so dass du keinen Kopf mehr hast auf Nachrichten zu reagieren, wissen auch, dass sie das nicht auf sich beziehen müssen. Ich sage immer: Ich bin froh, dass unsere Beziehung so eng und vertrauensvoll ist, dass du mir als Letztes antwortest.
    Egoismus erkenne ich da nicht und wenn, dann nur den gesunden!

    1. Hi Sophia,

      so ein wunderschöner Kommentar! Ich glaube es ist häufig schwer den Ursprung zu finden, weil es ihn oft nicht so richtig gibt. Es ist eine Ansammlung vieler Dinge und das Gewicht eines jeden Einzelnen summiert sich und wird irgendwann nicht mehr tragbar. Dann muss auch ich einfach nur weinen und das hilft auch schon eine Menge.
      Und wegen der Freunde: natürlich wissen die das und es ist nicht schlimm, aber es belastet mich natürlich trotzdem, wenn ich weiss, dass ich eine schlechte Freundin/Tochter/was auch immer bin :/

  5. wow, toller Post! Ich kann dich so unglaublich gut verstehen. Jeder deiner aufgeführten Blickwinkel sind so nachvollziehbar für mich & diese Energievampire sind einfach grausam- da muss man sich ganz klar von abkapseln, die tun nicht gut.

    Ich wünsche dir das Beste, Gruß Sina von Mealove.blog