Sonntagspost: Hallo Zukunft! Tschüss Privatsphäre!


 

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie wir als Kinder 20 Pfennig in ein Münztelefon auf der Straße eingeworfen haben, aufgeregt auf das Freizeichen gewartet haben, um dann zu fragen, ob unsere Freunde zum Spielen runterkommen können?

Jacke: Barbour
Hemd: Sandro
Hose: Topshop
Schuhe: Adidas x Raf Simons
Tasche: Vee Collective

ICC Messedamm Berlin | Fashion & Style | effordless, cool, sporty, Athleisure, Tomboy | wearing: Sneakers from Adidas x Raf Simons, Vee Collective Backpack in silver, Barbour jacket | Architecture Brutalism

Wenn ich an die analoge Zeit denke, dann denke ich an meine Kindheit und bin froh, dass ich damals aufwachsen bin in einer Zeit, in der ein Internetanschluss Zuhause eine Rarität war. Könnt ihr euch vorstellen, dass ich, bis ich ca. 15 Jahre alt war, quasi gar kein Internet benutzt habe? Erst als Teenager entdeckte ich langsam ICQ und MSN und fing an mich mit meinen Freunden in Chatrooms auszutauschen. Da waren iPhone & Co noch weit weg. Es ist grade mal 10 Jahre her, als ich mir mein erstes iPhone holte – ein Handy mit ‚richtigem‘ Internet. Da hatte ich mein Abi bereits gemacht.
 
Jede Generation hat ihre Besonderheiten und unsere Generation ist vermutlich die Einzige, die sowohl behaupten kann Digital Natives zu sein, als auch eine Welt ohne Internet zu kennen. Wir sind aufgewachsen in einer analogen Welt und waren doch mit die Ersten, die die Entwicklung vom ISDN-Modem hin zur Künstlichen Intelligenz mitbekommen werden.
 
Doch vor allem werden wir die letzte Generation sein, deren Leben nicht von Anfang bis Ende online festgehalten wurde und die Privatsphäre noch als Selbstverständlichkeit wahrnimmt.
Eines Tages können wir sagen:

‚Stellt euch vor, es gibt keinerlei Daten zu meiner Kindheit und Jugend, bis auf die Kinderfotos, die ich nach Weihnachten auf Stories geteilt habe.‘

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What a time to be alive.

Am Wochenende war ich auf der IFA (Internationale Funkausstellung), Deutschlands wichtigste Messe für Consumer Electronics und Home Appliances und habe einen Blick auf die Technologie Trends von Morgen geworfen. Was mir dabei auffiel: es gab kaum eine Software oder ein Gerät, das nicht Daten sammelte, um sich dem Nutzer anzupassen – von der Kaffeemaschine bis hin zur digitalen Schlafmaske. Vor allem die alltäglichen Geräte im Haushalt sammeln Informationen und werfen einen Blick auf deine Gewohnheiten:
wann gehst du schlafen, wie viel bewegst du dich und wie gesund isst du?
 
Das Thema der Zukunft ist Optimierung.
Und die funktioniert nur über ein exaktes Bild des Konsumenten.
Aber wohin soll das noch führen?

Zwar empfinden wir diese Daten-Goldgräberstimmung als gruselig, wollen nicht, dass man so viel über uns weiss, doch am Ende siegt die Bequemlichkeit nicht mehr selbst einkaufen gehen zu müssen oder staubzusaugen oder beispielsweise DuckDuckGo statt Google zu verwenden. Doch haben wir uns erstmal an einen Service gewöhnt ist es schwer die Macht der Gewohnheit zu durchbrechen.
 
Von Jahr zu Jahr verschiebt sich unsere Toleranzgrenze und wir akzeptieren, dass wir als Menschen immer transparenter werden. Und während uns ein personal Assistant zuhört, merken wir gar nicht, wie der Raum, den wir Privatsphäre nennen, immer kleiner wird. Was macht das schon, wenn Firmen wissen, wie wir unser Brot am liebsten mögen?

Doch wie viel Privatsphäre braucht jeder von uns eigentlich?

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Was mich angeht, so ist dieser Raum bereits sehr klein, denn ich teile mein Leben und meine Gewohnheiten nicht nur mit diversen Firmen, sondern auch mit einer großen Community. Zu wissen, dass viele Menschen viele Dinge über mich wissen, fühlt sich komischerweise gar nicht merkwürdig an, sondern eher sicher. Denn so lange man nicht über seine Ängst oder Gedanken spricht, fühlt man sich alleine damit. Durch euren Zuspruch fühle ich mich wie in einem Auffangnetz, denn ich weiss, dass es zahlreiche Menschen da draußen gibt, die sich ähnlich fühlen. Es gibt mir kein schlechtes Gefühl, wenn ihr wisst, was mich beschäftigt, wie ich wohne und wie mein Alltag aussieht. Auch nicht, wie ich mein Brot am liebsten mag.
Doch hier spielt ein wesentlicher Unterschied die Hauptrolle:
ICH bestimme, was ich preisgebe oder nicht.
 
Doch vor allem sollte man sich bewusst sein, dass man mit einer wachsenden Anzahl an Daten nicht nur Firmen in die Hände spielt, die uns allesamt nur als Produkt betrachten, frei nach dem Motto: ‚Wenn das Produkt umsonst ist, bist du das Produkt‘, sondern auch Kriminellen. Wir müssen uns also fragen: Wer könnte noch ein Interesse daran haben zu wissen, wie unser Tagesrhythmus aussieht?
 
„Nur“ die Heizungsapp, die bereits eine halbe Stunde vor Nachhause kommen, die Wohnung vorwärmt, oder auch ein Einbrecher, der die Wohnung gerne ungestört ausräumen würde. Und können uns Sicherheitsapps davor schützen? Und können wir noch entführt werden, wenn jeder Schritt getrackt wird?
 
Gefährlich wird es ausserdem, wenn sich das politische Klima ändert und der Staat Zugang zu intimen Daten hat, mit denen er Andersdenkende verfolgt. Wie können wir uns vor staatlichem Eingreifen schützen?

Will ich, dass Daten über meinen Kontostand, meinen Gesundheitszustand oder meine sexuellen Neigungen (öffentlich) einsehbar sind?
 
Die Antwort könnt ihr euch vermutlich denken. Denn auch wenn ich zu der privilegierten Gruppe gehöre, für die sich durch Bekanntwerden solcher intimen Daten grundsätzlich erstmal nichts ändert, weil ich selbstständig bin und keine politische oder andere Verfolgung befürchten muss, möchte ich dennoch nicht, dass Menschen diese Dinge über mich wissen – und mich demnach bewerten.
 
Doch wie lange können wir diese Daten noch für uns behalten?

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Ich befinde mich in einem inneren Konflikt, denn zum Einen möchte ich nicht so viele privaten Daten über mich teilen, doch zum Anderen möchte ich nicht auf den Luxus der neuen individualisierten Apps und Technologien verzichten. Doch am meisten beschäftigt mich, was noch kommt.

Kontaktlinsen, die Daten über unsere Gesundheit vermitteln, aber auch Geräte, die unsere Gehirnströme auslesen zur digitalen Vernetzung sind nicht mehr allzu weit entfernt, Stichworte: Brain-Hacking, Neuralink und Building 8.
 
Die Zukunft, sie scheint greifbar und wenn ich mir die Entwicklung der letzten 10 Jahre anschaue, dann bekomme ich nur eine grobe Vorstellung davon, was uns noch erwartet. Versteht mich nicht falsch: ich wünsche mir keinen Stillstand, denn die Innovationen der Zukunft müssen nicht gleich etwas Schlechtes bedeuten. Tatsächlich können sie auch erfüllen, was sie uns versprechen:
ein besseres Leben.
 
Die Technologien lassen sich nicht mehr aufhalten, deswegen ist es umso wichtiger, dass wir eine aktive Rolle in ihrer Gestaltung und der Gesetzgebung spielen. Denn eins sollten wir uns ebenfalls bewusst machen: wir sind die letzte Generation, die noch Einfluss auf dieses Thema nehmen kann, weil wir die letzte Generation sind, die noch eine analoge Welt kennt. Deswegen ist es unsere Pflicht, als Digital Natives, darüber zu reden: Über die Risiken, den Schutz unserer (mentalen) Privatsphäre und wo unsere Grenzen liegen.
Denn sonst werden Lieder wie „Die Gedanken sind frei“ bald der Vergangenheit angehören.

 
 
 

This post is also available in Englisch Russisch



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4 Kommentare


  1. Liebe Masha, ich bin sehr froh dass dein sonntagspost zurück ist. Ich liebe deine Themenauswahl und ebenso deine immer wirklich sehr passende Bilder- und Outfit Wahl. Als nicht Mode – Affiner Mensch muss ich wirklich sagen, dass du mich trotzdem immer wieder für deine Art, Mode darzustellen und zu verkörpern begeistern kannst. Danke für deine Worte und deine Gedanken – ich hoffe wirklich sehr, dass Noch mehr Leute aus der Insta – Bequemlichkeit aussteigen und auch wieder Blogs lesen. Ich folge dir schon so lange und ich habe nicht eine Minute bereut, in der ich denken Artikel gelesen habe.

    Antworten

    1. Ach Jasmin <3

      Ich LIEBE deine Kommentare! Sie zaubern mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und ich hoffe sehr, dass es dir grade gut geht <333

      Fühl dich gedrückt!

      Antworten

  2. Ich befinde mich auch sehr oft in dieser Zwicke, und entscheide mich ganz oft auch dafür, etwas einfach sein zu lassen, anstatt mich noch mehr „aushorchen“ zu lassen.

    Für meine Begriffe und aus meiner Erfahrung habe ich eines gelernt: Sicherheit ist unbequem und nicht simpel und locker-lässig. Sicherheit ist etwas, das ich bewusst herstelle und aktiv entscheide. Ich würde niemals auf ein Smartphone-gesteuertes Heimsystem umsteigen, mit dem ich von der Ferne aus meine Haustüre auf- und zusperren kann: alleine aus Furcht, dass das, was ich kann, durch irgend einen Fehler, irgend eine Hacking-Kunst auch wer anderer kann. Ich stehe lieber von der Couch auf (sitzenbleiben wäre bequemer!) und drehe den Schlüssel um. So habe ich auch das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben – genauso, wie ich mehr Kontrollgefühl über Geld habe, wenn ich Scheine in die Hand nehmen muss, um sie über den Ladentisch zu schieben, anstatt nur eine Karte einzustecken und ein paar gummierte Code-Tasten in bestimmter Reihenfolge zu drücken.

    Sicherheit ist unbequem – aber dafür habe ich die Kontrolle dafür spürbar in meiner Hand.

    Antworten

    1. Das stimmt!
      Ich glaube es ist schwierig zu sagen, wo man da die Grenze ziehen sollte, weil ich beispielsweise auch gelernt habe Kontrolle abzugeben und mich sicherer fühle, weil ich mich bewusst entschieden habe transparent zu sein :)

      Es ist schwierig zu beschreiben und natürlich tut dieser Kontrollverlust auch manchmal weh, aber ich glaube es ist wichtig offen zu sein, aber gleichzeitig die Risiken zu kennen :)

      Antworten
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