Wie engagiere ich mich politisch? – Ein Interview mit Diana Kinnert

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Als ich Diana Kinnert vor einiger Zeit kennenlernte, war ich skeptisch und fasziniert zugleich: sie ist  eine junge, spannende Frau mit vielen Facetten und möglicherweise eine der interessantesten  Menschen, die ich je kennengelernt habe. Ich bin sehr stolz sie in meinem engen Kreis zu wissen und habe sie um ein kleines Interview gebeten. Es ist mir wichtig auf dem Blog eine Vielfalt an Themen anzubieten und gleichzeitig wollte ich ihr eine Stimme auf meiner Plattform geben. Ihr findet das ganze Interview als Sound Datei hier bzw. unter diesem Absatz und auf dem Blog die gekürzte Fassung zum Lesen.

Es ist Teil meines neuen Konzeptes, sodass ich in Zukunft mehr spannende Menschen interviewen will und auch kulturelle und politische Themen hier mehr Beachtung finden sollen – neben den Sonntagsposts natürlich. Ich hoffe sehr, dass euch das Thema interessiert und ich bin schon gespannt auf euer Feedback!

M:      Herzlich Willkommen liebe Diana. Würdest Du Dich noch einmal kurz für unsere LeserInnen und HörerInnen vorstellen?

D:        Mein Name ist Diana Kinnert, ich bin 27 Jahre alt und in Wuppertal geboren und aufgewachsen. Meine Wurzeln sind sowohl polnisch (väterlicherseits) als auch philippinisch (mütterlicherseits). Studiert habe ich Politik und Philosophie und bereits während der Schulzeit bin ich Mitglied der CDU geworden. So nahm das die vergangenen 10 Jahre alles seinen Lauf, sodass ich dann irgendwann im Deutschen Bundestag gearbeitet habe. Dort war ich Büroleiterin des Bundestagsvizepräsidenten, bis ich nominiert worden bin, in einer Bundeskommission der CDU beim Generalsekretär und bei Jens Spahn, unter anderem auch in einer Kommission mitzuarbeiten und die CDU zu reformieren. Ich bin seither aktives Parteimitglied und habe im letzten Jahr ein Buch über einen modernen Konservatismus geschrieben. Ansonsten bin ich aber hauptberuflich Unternehmerin, also ich verdiene mein Geld nicht über Steuergelder, sondern versuche zumindest berufsmäßig möglichst frei und unabhängig zu bleiben.

M:      Fangen wir einfach mal vorne an. Wie kam es dazu, dass du dich überhaupt für Politik interessiert hast?

D:        Das kam sehr schleichend. Und ich glaube, deswegen habe ich das erwähnt, kann es mit eine Rolle gespielt haben, dass meine Eltern aus verschiedenen Ländern, aus verschiedenen Kontinenten, aus verschiedenen Schichten kommen. Ich habe das Gefühl, wenn ich definieren würde, was Politik ist, dann ist es die Ordnung von Verschiedenheit. Wenn du immer nur die gleichen Leute kennenlernst mit dem gleichen Lebensmodell, dann musst du dir die Frage nicht stellen, ob etwas anderes verboten gehört oder erlaubt gehört oder ob das Andere irgendwie im richtigen Verhältnis zum anderen steht, ob man das fördern sollte oder nicht. Dadurch, dass bei mir schon so viele Perspektiven einhergekommen sind, musste ich mir immer die Frage stellen, wie sehen die Lebensentwürfe nebeneinander aus.  Zentral war für mich immer die Frage, ob das Verhältnis fair geordnet ist. Schlussendlich glaube ich, dass jemand, der verschiedene Perspektiven kennenlernt, automatisch jemand ist, der politisch wird, weil er das Verhältnis einschätzen muss, ob die Dinge zueinander fair sind.

M:      Wie kam es dazu, dass Du Dich bereits so früh für eine Partei entschieden hast?

D:        Also ich habe bereits in der Schule angefangen mich für Politik zu interessieren. Ich habe schleichend angefangen, mich immer mehr zu interessieren, habe angefangen, Zeitung zu lesen, konnte beim vierten Mal lesen auf einmal verstehen, dass sich etwas vom dritten Mal auf das zweite Mal bezieht und habe irgendwie langsam verstanden, worüber die Leute in den Zeitungen reden und das fand ich interessant. Und dann habe ich einen Politik-Leistungskurs gewählt. Meine hohen Erwartungen wurden dann sehr schnellt enttäuscht als der Lehrer sagte „Die Schule sei nicht der richtige Raum um Politik zu machen und zu diskutieren“. Von nun an Stand mein Entschluss fest: Ich muss etwas aktiv verändern. So habe ich selbst ausgedruckte Organspendeausweise auf der Straße verteilt und als Panda verkleidet Stimmen für Greenpeace gesammelt. Der Gedanke, dass wir in einem Parlamentarismus leben und im Deutschen Bundestag Parteien sitzen, die darüber abstimmen, welche Gesetze es gibt, was verboten gehört, ob es die Todesstrafe gibt, wohin Milliarden gehen, ob Leute verhungern oder nicht. Ich fasste also den Entschluss: ich muss in eine Partei.

M:     Und dann hast du dich für die CDU entschieden!

D:        Tatsächlich. Ich weiß, mein Papa wäre eher ein bisschen SPD-lastig, aber ich war relativ unbeeinflusst von zu Hause. Und habe mich dann für die CDU entschieden. Und zwar, weil ich mir eine Formel aufgestellt hatte. Und in der Formel gab es drei Werte, das Erste waren die Grundwerte, das Zweite war so etwas wie eine historische Leistung und das Dritte war der Wahl-O-Mat. Der Wahl-O-Mat setzte die CDU bei mir ganz hinten auf die Liste, weil sie bei Homo-Ehe, Umweltschutz und Kinderbetreuung für mich rückständig waren. Bei der historischen Leistung war ich in Hinblick auf die EU, die West-Bindung, überhaupt Adenauer als erster Bundeskanzler, ein Fan der CDU. Auch die NATO und UN, Rita Süssmuth, Norbert Blüm, all die alten Sozialpolitiker der CDU, die ganz viel im Gesundheitswesen und im Arbeitnehmerwesen gemacht haben, haben mich positiv beeinflusst. Zu guter Letzt habe ich mir die Grundwerte angeguckt und es gibt in der CDU, in der Christdemokratie drei Wurzeln: Das Christlich-Soziale, das sind ganz viele katholische Arbeitnehmerverbände, die insbesondere viel für Inklusion und Behinderte tun, sprich der soziale Flügel war da. Dann gab es den bürgerlich-liberalen Flügel, der für mich ausgesagt hat, der Staat entscheidet nicht zu tief in dein Leben rein, sondern du kannst viele Dinge einfach alleine und frei und unabhängig entscheiden. Außerdem gibt es bei der CDU dann noch den konservativen Flügel, welchen ich als Bewahrung der Schöpfung verstanden und interpretiert habe. Heißt also: wir müssen nachhaltig und umweltschützend sein. Die Gesellschaft kann nur mit Gemeinwohl und Zusammenhalt funktionieren, weswegen Familien so wichtig sind. Dass man einfach Empathie schafft zwischen einzelnen Gruppen in der Gesellschaft. So kam am Ende meiner Formel heraus: Du gehst zur CDU.


M:      Und das war ja gar nicht so einfach wie ich weiß… Kannst Du uns kurz erzählen, wie man Parteimitglied wird?

D:        Ich, als junger Mensch, habe gedacht, du wirst Mitglied und irgendwie googlest du dann erstmal „cdu.de Mitgliedsformular“.  Als nächsten Schritt musst du dann extra etwas ausdrucken, unterschreiben und einscannen. Das war mir schon fast zu umständlich. Nichtsdestotrotz habe ich es dann gemacht und amazonmäßig erwartet, dass am nächsten Tag mein Mitgliedsausweis kommt und ich loslegen kann. Nur war das nicht so leicht wie ich mir das vorgestellt hatte…  Also habe ich beschlossen selbst aktiv zu werden und habe bei dem Verantwortlichen der CDU Wuppertal angerufen, wo ich dann prompt mit der „Nicht-Zuständigkeits-Klausel“ abgewürgt wurde. Nach insgesamt acht Monaten rief ich ein drittes und viertes Mal bei dem unfreundlichen Herrn und bekam dann endlich den Termin des aktuellen Stammtisches. Da ich erst 17 war versuchte ich dann per öffentlichen Verkehrsmitteln zu diesem besagten Treffpunkt in einer Kneipe zu gelangen. Nur leider fuhr dort kein Bus hin und so musste ich also erst mal meinen Papa überreden, mich dorthin zu fahren, was schon mal diskriminierend ist. Fazit: Du kannst das politische Gremium, als eine Partei, die für jedermann empfänglich sein sollte, nicht dort abhalten, wo Leute, die zu alt zum Fahren sind, die keinen Führerschein haben oder zu jung zum Fahren sind, nicht hinkommen. Denn dann schließt du schon mal die Hälfte der Bevölkerung aus. 

M:      Und wenn man dann endlich dort angekommen ist, wie laufen diese Stammtische dann ab?

D:      Ich treffe an der Kneipe ein und verbleibe mit meinem Papa so, dass ich mich per Handy bei ihm melde, sobald sich die Sitzung dem Ende neigt. Ohne jegliche Ausschilderung nehme ich also erstmal am Tresen Platz und werde dann von dem Barkeeper darüber informiert, dass die interne Sitzung in einem separaten Raum stattfindet. Ich mache mich also auf den Weg zu diesem Hinterraum und treffe ca, auf 40 Leute, die alle mindestens über 50 Jahre alt waren. Die Tischordnung lud nicht zum Austausch ein und so konnte man sich nur einmal nach links und rechts umdrehen.  Es gab weder Rundtische, noch eine Tagesordnung, geschweige denn eine Begrüßung, Rede,  Ansprache oder Moderation. Die Leute bestellten Bier und führten Privatgespräche. Für mich war schnell klar, dass ich hier und heute wohl keine politischen Gespräche führen werde und so ließ ich mich völlig frustriert wieder abholen.  Beim dritten Mal wollte ich alles richtig machen und so informierte ich mich über die Parteivorsitzenden und googelte nach deren Bildern. Ich betrat also ein drittes Mal die Kneipe und erspähte auch gleich den Verantwortlichen und auch er saß mich an und nickte zu mit rüber. Ich war also vollends aufgeregt und vergaß die ganzen Hindernisse, die ich nehmen musste, denn jetzt kam der Parteivorsitzende auf mich zu und würde mich als Neumitglied willkommen heißen. Dann steht er vor mir und ich will gerade sagen: „Hallo, Diana, Neumitglied!“ und er kommt, gibt mir die Hand und sagt: „Okay, zwei Bier bitte, bitte nach dahinten!“, dreht sich um und geht. Und mir fiel es wie die Scheuklappen von den Augen: Er dachte gar nicht, er hätte mich jetzt zum dritten Mal wiedererkannt, weil ich seit drei Mal schon das Neumitglied dort bin, sondern er kennt mich, weil ich eben drei Mal da war und denkt, als eine junge Frau muss ich wohl die Kellnerin sein. So wurde mir klar weshalb hier so wenig Frauen sitzen und ich fühlte mich als junges, motiviertes Neumitglied total gedemütigt. Das war ja die ganzen acht Monate schon demütigend, in denen man krampfhaft versucht Fuß zu fassen. Stell dir mal vor, du wirst jetzt Parteimitglied bei irgendeiner Partei. Du gibst deinen Namen, du gibst dein Gesicht, deine Freunde wissen Bescheid, alle messen dich an dem, was die Partei tut. Du zahlst auch noch Mitgliederbeitrag, du gibst Zeit und Engagement. Was die Partei dir acht Monate lang zurückgibt ist, du bist hier nicht erwünscht, kümmere dich um deinen eigenen Kram, wir wollen dich hier gar nicht und du bist hier sowieso nicht willkommen. Es gibt hier niemanden, der dir ähnlich ist, du bist hier Außenseiter. Und das hat sich das erste Jahr über total demütigend angefühlt.

M:     Würdest du jetzt im Nachhinein sagen, das war eher von Vorteil, dass du diese Erfahrung mache und hat sie dich darin bestärkt weiterzumachen oder hätte ein leichterer Einstieg vielleicht auch zu einem besseren Ergebnis geführt?

D:        Also, das kann ich so fiktiv gar nicht messen. Insgesamt wünsche ich mir, dass jeder Mensch, der irgendwie den Mut hat, sich für eine Partei zu entscheiden, dort auf eine Willkommenskultur stößt und gut eingeführt. Das ist bei mir alles danebengegangen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich so einen leichten Einstieg gehabt hätte. Und gleichzeitig habe ich darüber eben auch viel gelernt. Ich habe mir dadurch die Frage gestellt: Sind Parteien wirklich so leicht zugänglich für alle Leute oder halt nicht?  Durch meine eigenen Erfahrungen heraus wurde das zu meinem ersten großen Thema, was ich angehen und verändern wollte. Ich habe mich nicht dafür eingesetzt Atomkraftwerke abzuschaffen oder irgendwie Nordkorea zu befrieden, sondern mein erstes wichtiges Thema in der Politik war: Wie kann Demokratie funktionieren, wenn schon der ERSTE Schritt in Richtung Demokratie so schwer ist und so viele Leute eigentlich benachteiligt. Also habe ich, inzwischen auf Bundesebene dazu gearbeitet, ich habe international dazu gearbeitet, ich habe mit Hillary Clinton in einem Gremium gesessen, wo wir darüber gesprochen haben: 

Wie kann man mit digitalen Instrumenten Abstimmungsprozesse und Entscheidungsprozesse im Internet erleichtern und für junge Leute zugänglich machen?

M:      Würdest du sagen, dass das Bewusstsein für Politik aktuell wieder stärker geworden und sich auch politisch gerade sehr viel verändert?

D:        Also politisch verändert sich gerade ganz viel. Auffälligster Indikator ist die AfD. Die AfD ist in allen Landesparlamenten vertreten und ist teilweise in den Ostbundesländern so stark, dass die Leute Ministerpräsidenten stellen würden bei der nächsten Wahl, weil sie die stärkste Partei sind. Und egal, wie man es bewertet, es gab viele Leute die gesagt haben: ich vertraue dem politischen System nicht und das hat sie wieder repolitisiert. Gleichzeitig gibt es eine Verschiebung, dass die SPD also extrem eingestürzt ist und die Grünen extrem aufgehen gerade. Dabei beziehen die Grünen ihre Stimmen nicht nur aus dem linken Umfeld, sondern auch von der CDU. Außerdem glaube ich, dass wir insgesamt eine Popkultur erleben, die empfänglicher ist für Politik. Heute wirst du an anderen Faktoren gemessen: ob du eine Avocado kaufst, ob du einen Bio-Apfel oder keinen Bio-Apfel kaufst, welchen Hashtag du benutzt, ob du bei diesen unfollow-me-Kampagnen mitmachst, ob du bei Time’s Up mitmachst, ob du die Oskar-Geschichten wichtig findest, ob du auf Sexismus oder Nachhaltigkeit aufmerksam machst. Das alles ist nicht nur mehr etwas, das nur im Bundestag besprochen wird, sondern das interessiert jeden von uns auf einmal. Und das finde ich insgesamt etwas Gutes, weil wir auf einmal merken, dass wir eben alle ein Teil von Politik sind.

M:      Kommen wir noch einmal kurz zurück zur CDU. Da passiert ja gerade ganz viel oder kann man sogar von einer Spaltung der Partei sprechen?

D:        Ja, wir haben eine Kursdebatte. Die CDU ist halt niemals eine rein klassisch konservative Partei gewesen. Sie steht für soziale Marktwirtschaft und für europäische Integration. Und jetzt ist vor allem durch die AfD bei uns eine Debatte entbrannt, nämlich: Soll die Partei sich immer weiter modernisieren, so wie sich Gesellschaft modernisiert? Soll ein Kind bei zwei Männern oder bei zwei Frauen aufwachsen dürfen? Ist es gut, dass wir eine Energiewende haben und unser Strom nicht mehr nur aus Atomkraftwerken kommt? Soll es Plastikverbote geben oder nicht? Wie kann man Frauen mehr einbinden? Wie können wir aus einer Integrationspolitik, aus Ausländern, die hierherkommen, gute neue Deutsche machen? Also, das sind Grundsatzfragen, die sich die CDU stellt. Und dann haben wir eben zwei Flügel, die sie beantworten. Und es gibt den einen Flügel, das ist, würde ich so sagen, der Merkel-Flügel, der die CDU ein bisschen liberalisiert und modernisiert hat, viele sagen auch, sozialdemokratisiert hat, also linker gemacht hat. Und dann gibt es die Leute, die sagen: Nur wegen uns, weil sich unsere Partei so liberal aufstellt, gibt es die AfD und wir müssen jetzt wieder rechts sein und wir müssen „Ausländer raus!“ rufen und wir müssen eine harte Hand unter Beweis stellen. Und ich bin jemand, der in dieser Debatte eben ein Buch geschrieben hat, und zwar „Plädoyer für modernen Konservatismus“, und habe mich damit für den Merkel-Flügel ausgesprochen. Ich habe gesagt, dass alte, konservative Werte in einer neuen Umwelt mit Modernisierungsschüben neu besetzt werden müssen. 

M:      Siehst du deine Aufgabe auch darin ein Veto einzulegen oder in der Partei zu streiten?

D:        Ja! Also ganz grundsätzlich ist die Parteimitgliedschaft nichts wo du sagst, da nicke ich nur alles ab, weil sich dann nur alles reproduziert und man kommt nie auf neue Antworten. Also ist es zwangsläufig so, dass du als Parteimitglied innerhalb deiner Partei streitest, neue Vorschläge machst und dort für deine Perspektiven kämpfst. Wenn mich Leute respektvoll behandeln, dann finde ich den Streit fruchtbar und gewinnbringend. Ich wäre nicht in meiner Partei, wenn ich nicht das Gefühl hätte, ich hätte die allermeiste Übereinstimmung mit ihr im Vergleich zu anderen Parteien. Aber natürlich streite ich mich da bei neuen Themen oder bei alten Themen, mit denen ich nie einverstanden war. Man muss für Mehrheiten streiten, aber auch akzeptieren, wenn man mal in der Minderheit ist.

M:      Wie kommt es, dass es so schwierig ist für junge Menschen, die eine Meinung haben, sich politisch zu positionieren und zu behaupten in solchen Strukturen?

D:        Also insgesamt glaube ich, ist es so leicht wie noch nie zuvor. Denn eine politische Haltung hast du längst nicht mehr nur, wenn du in einer Partei bist. Du kannst einen neuen Hashtag erfinden, du kannst einen Blog starten, du kannst Leute aktiv anschreiben, du kannst eine Demo veranstalten, du kannst Plakate basteln, also du kannst ganz viel tun, wenn du möchtest. Und das ist etwas, was die heutige moderne Welt erlaubt, was sogar ein bisschen in ist. Nachhaltige Ernährung und Mode sind wichtig geworden und etwas, was die Popkultur immer mehr wertschätzt. Es ist relativ angesagt politisch zu werden und sich zu engagieren. Auf der anderen Seite ist es trotzdem grundsätzlich so, dass die Leute, die da sind und auch schon immer da waren, die Strukturen machen. Diese sind in den wenigstens Fällen auf die jüngere Generation eingestellt. Hier kommt es darauf an Kompromisse zu finden und auch wieder neu zu lernen, Kompromisse einzugehen. 

Ich habe das Gefühl, und das ist schon auch eine Kritik an unserer Generation, dass man beim ersten Streit eigentlich sofort moralisch verurteilt und sagt, mit dir will ich nichts mehr zu tun haben. Ich glaube, eine Partei lehrt dich, das anders zu machen: Kompromisse eingehen und entwickeln, Entscheidungen akzeptieren, trotzdem kampfbereit und engagiert bleiben. Auch Ähnlichkeit und Zugehörigkeitsgefühl spielt eine große Rolle. 

Möchte ich mich mit älteren, eingefahrenen, hauptsächlich männlichen Leuten auseinandersetzen und über Veränderung sprechen oder erobere ich gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden die Politik neu und revolutioniere sie? Nichtsdestotrotz bleiben die alten Machtfragen und Leute bestehen, die sagen sie hätten schon seit 15 Jahren die Türklinken geputzt, jetzt sind sie dran und in 30 Jahren vielleicht dann du. In der Politik geht es dann auch oft um das eigene Interesse und die Karriere, wo es nicht selten zu Machtkämpfen und Intrigen kommt – Politik ist auch einfach ein Machtapparat. 

M:      Würdest Du sagen, dass man als Blogger auch durch öffentliche Beiträge, auf Themen aufmerksam machen kann?

D:        Ja das denke ich schon, denn du hast entweder die Möglichkeit über ein Thema zu schreiben, was dich persönlich vielleicht nicht betrifft, auf das du aber aufmerksam machen möchtest und bietest deinen Lesern durch die Kommentarfunktion die Möglichkeit in einen Dialog zu treten oder du schreibst über Themen, die dich ganz explizit betreffen. Wie zum Beispiel funktionierendes Internet. Hier könntest du das Themen nämlich so lauter werden lassen: „Guten Tag, Herr Wirtschafts- und Finanzminister, ich zahle hier Steuern und die Steuern kann ich in Zukunft aber nur zahlen, wenn mein Beruf funktioniert. Der Beruf funktioniert aber nur, wenn ich ordentliches WLAN habe!“, dann geht der Finanzminister zum Verkehrsminister und sagt: „Okay, Infrastruktur ist wichtig, das hat was mit unserer Volkswirtschaft zu tun.“ Also manchmal braucht man den richtigen Kanal, damit man Druck machen kann.

M:      Als Nichtparteimitglied verfolge ich die Nachrichten doch oft sehr kritisch, denn es werden viele Themen wie die Flüchtlingskrise diskutiert und Themen, die mich wirklich betreffen, wie die Umwelt, werden kaum erwähnt. Woran liegt das?

D:        Die finden alle statt, aber werden nicht medial ausgespielt. Die einzige funktionierende Taktik ist, seine Themen groß zu machen. Das passiert, wenn man sie selber anspricht oder aber, wenn man sie direkt an die Politik adressiert. Ich meine, wir würden jetzt nicht seit drei Jahren über Flüchtlinge reden, wenn wir nicht mit der AfD eine Partei hätten, die teilweise zwanzig, 25 Prozent geschafft hat. Das heißt im Umkehrschluss ist es auch schwierig dieses Thema zu ignorieren. 

M:      Die Grünen zum Beispiel legen auf dieses Thema kaum einen Fokus und erleben trotzdem gerade einen Aufschwung. Also scheinbar funktioniert es ja doch.

D:        Die Grünen sind eine Partei, die sich auch immer zur Flüchtlingskrise äußern, aber eben sehr offen. Es kommt darauf an ob du eine klare Position zu einem Thema hast und diese auch klipp und klar vertrittst oder ob du Fragen immer mit einem „irgendwie“ beantwortest und dich schlussendlich noch selbst verzettelst. Was mich besonders an den Grünen interessiert ist, dass sie jetzt während der Hessen-Wahl in einer Umfrage, als die Partei gewählt wurde, mit der man am ehesten das Thema Zukunft verbindet. Ich persönlich hätte gerade im Hinblick auf Steuern, Investitionen und Wirtschaftsnähe auf die CDU und FDP getippt. Herausgekommen sind aber die Grünen, als unsere Zukunftspartei und zwar mit doppelt so viel Stimmenanzahl wie bei SPD, CDU und FDP. Dazu habe ich mir dann meine Gedanken gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen, dass die Grünen viel über Bildungsaufbruch sprechen, über Chancen, Gerechtigkeit, Chancengleichheit, über Diversität  und wie verschiedene Gruppen in der Gesellschaft zusammen leben. Die Grünen engagieren sich außerdem viel für das Thema Umwelt und Nachhaltigkeitspolitik und betonen, dass es sich hierbei um eine internationale Krise handelt. Sie beantworten eine Flüchtlingskrise nicht damit, dass man, die Leute draußen lassen soll, sondern sie beantworten sie konstruktiv: wie können wir mit der Integrationspolitik, die wir hier haben, die Leute fit machen für Schule und Ausbildung? Was gibt es für Sprachangebote? Sie schaffen vertrauen und zeichnen Zukunftsbilder, die realistisch sind. Wenn du dir hingegen anschaust worüber die Angstpolitiker so reden: „Wir werden islamisiert und ihr seid alle einsam und verarmt und die Leute nehmen euch das Geld weg“, dann ist das eine Zukunftsvision, in die die Leute verständlicherweise kein Vertrauen haben. Und die Grünen malen ein Zukunftsbild, das für die Leute optimistisch ist. Das klingt wie: Wir können eine grüne und lebenswerte Stadt schaffen, wir können Stadt und Land gut miteinander vereinbaren, wir schaffen Generationengerechtigkeit, wir schaffen Integration, wir schaffen Bildungsaufbruch, wir kriegen moderne Schulen hin, wir müssen Pfleger und Lehrer besser bezahlen. Und das sind alles Bilder, mit denen man sich identifizieren kann und die gut klingen. Ich als CDU-ler stelle mir dann trotzdem natürlich auch die Frage, wie man das dann bezahlen soll, aber das ist noch einmal eine andere Geschichte. Letztendlich ist es aber eine Perspektive, die ich gut finde. Und ich gehe dann zur CDU und sage: „Leute, was für mich Konservatismus bedeutet und auch schon immer war, ist Vertrauen.“ 

Und es ist für uns Konservative nicht nur wichtig, dass wir Bindung in der Gegenwart schaffen, Leute miteinander zu vernetzen und Strukturen zu bauen. Sondern, für uns Konservative muss doch gerade wichtig sein, dass wir eine Brücke zur Zukunft schaffen und die Leute mitnehmen in die Zukunft.

Und das finde ich, ist Aufgabe meiner CDU, aber dem wird noch zu wenig Gehör geschenkt, was ich sehr schade finde und wahrscheinlich auch eine Lehrstunde für die CDU sein wird. Denn ich glaube schon, dass die Grünen vielen modernen Wählern in Deutschland eine bessere Alternative bieten als die CDU.

M:      Glaubst du, dass das Parteiensystem, wie es aktuell funktioniert überhaupt noch Zukunft hat?

D:       Ich persönlich bin ein Fan davon, dass wir uns international mehr vernetzen und uns angucken, was andere Länder machen. Beispielsweise gehen in Japan fünfzig- bis sechzigjährige Leute für ältere Leute einkaufen. So lässt sich das Rentensystem super ergänzen und funktioniert vor allem sehr gut. Von solchen inneren Systemen wird es immer mehr geben, glaube ich. In Schweden und in Finnland gibt es Innovationslabore zwischen Ministerien, es gibt interdisziplinäre Teams, es gibt neue Ministerien. Ich habe jetzt vor kurzem in Venedig die Innovationsstaatsministerin aus Schweden kennengelernt und das gibt es in Deutschland nicht. In Deutschland haben wir uns vor siebzig Jahren mal drei, vier Ministerien ausgedacht und glauben seitdem, die muss es für immer geben. Wir haben kein Technologieministerium, wir haben kein Nachhaltigkeitsministerium, wir haben kein Integrationsministerium, in Indien gibt es ein Glücksministerium, das haben wir auch nicht. Das sind alles so Strukturen bei denen ich sage, dass wir als Staat anfangen müssen, unsere eigenen staatlichen Institutionen zu reformieren. Nur geht das keiner so richtig an. 

Anderes Beispiel: Kann ich in Bonn und in Köln und in Stuttgart und in Berlin von mir aus Einwegplastik verbieten und damit die Welt retten? Vielleicht nicht, weil unsere nationale Politik nicht wirksam ist bei internationalen großen Krisen. Dann kann man sagen, gut, vielleicht kann es aber ein Vorbild sein für andere. Bloß dann  sage ich wiederum, dann lasst uns zwanzig Millionen Euro, die wir eigentlich in eine Werbekampagne gegen Plastik stecken, einem pakistanischen Startup geben, das an einer Alternative für Plastik forscht und auf einmal braucht es auf der Welt kein einziges Plastikmaterial mehr, weil wir ein besseres Material haben. In der EU ist die Quote für Plastikrecycling bei zwanzig Prozent. Lasst uns in Brüssel und in Straßburg doch lieber Dinge fördern oder subventionieren, bei denen es um neue Technologien geht. Ich denke viele gesuchte Antworten auf internationale Krisen finden wir in den Märkten und Unternehmen, die Alternativen zu Plastik erforschen, grüne Technologien entwickeln, etc..  Also, es gibt ganz experimentelle Ideen, wie Systeme funktionieren oder wie man neue Systeme erfindet, die zwischen den Ländern liegen. Und ich glaube, dass sich über sowas bei uns einfach kaum jemand Gedanken macht.

M:      Wenn es solche Umdenker wie dich gibt, wieso habe ich dann trotzdem das Gefühl, bei den Politikern kommt der Input vielleicht an, aber sie setzen ihn nicht zu intelligentem Output um?

D:        Es ist schwierig. Und man darf da auch nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt viele gute Politiker, aber die Strukturen sind eben auch schwierig. Hinzu kommt die mediale Getriebenheit, wo viele Tageszeitungen immer nur auf ein, zwei, drei Themen gucken. Dann musst du dir vorstellen, die Leute, die da in der ersten Reihe stehen, die machen seit fünfzig, sechzig Jahren nichts anderes außer in genau den gleichen Parteizirkeln zu sein. Dadurch waren sie nicht wie ich zufällig in Kanada und haben über die Zukunft der Gesundheitspolitik nachgedacht. Sie können sich war immer Fachexperten ranholen, aber das sind meistens die, die sie sowieso besätigen. Es stimmt natürlich, dass sie von alldem wissen, aber sie habe das Gefühl, es ist eben zu weit weg, es ist auch für die Bürger zu weit weg. Und am Ende des Tages ist unser System darauf eingestellt, dass du alle vier Jahre Wahlen gewinnst. Und wenn du das Gefühl hast, halb Deutschland redet jetzt über die Flüchtlingskrise, dann rede ich jetzt auch nicht über Pflege und Sexroboter, weil ich weiß, okay, damit kriege ich keine einzige Stimme. Ich habe insgesamt das Gefühl, und das ist das, wo ich bei dem Grünen anknüpfen will, dass Zukunftsbilder eben schon Stimmen gewinnen. Und das ist das, womit ich jetzt zu meiner Partei gehe. Weil ich jetzt sage, wenn ich denen moralisch sage, das wäre das Richtige für die Zukunft, dann lachen die mich aus. Weil sie sagen, okay, damit kriegen wir aber keine Stimme. Wenn ich aber sage „Guckt euch mal die Grünen an, die kriegen damit Stimmen und das sind Stimmen, die sie uns wegnehmen“. Dann habe ich das Gefühl, ist das eine Taktik, die funktionieren kann. Das kann nicht nur in einer Partei funktionieren, sondern ich glaube, dass Zukunftsbilder zu zeichnen und positive Visionen zu zeichnen, experimentell nachzudenken, damit schneller zu sein auch als andere Länder, das kann denen Wachstums- und Zukunftsmärkte wegnehmen und das kann uns profitieren lassen. Und das lohnt sich in jeder Partei, oder auch unabhängig außerhalb der Parteien dafür zu streiten.  Weltpolitik ist eben nicht nur das, was die drei, vier Leute da im Bundestag besprechen, sondern die Leute in der Politik, die besprechen nur das, was Bürger denen herangeben. Und klar, im Wahlkreis sind es da mitunter in der Provinz eben nicht diese totalen Technologiethemen, aber es ist wichtig, dass alle mithelfen, dass diese Themen größer werden. Ansonsten habe ich das Gefühl, wenn wir uns nicht früh genug darum kümmern, kollabiert das System.


M:      Wenn man jetzt aber keine Bloggerin, kein Influencer, kein Multiplikator in dem Sinne ist und sich vielleicht auch nicht wirklich einer Partei zuordenen kann. Was mache ich dann?

D:        Es ist gerade sehr schwierig, sich für eine Partei zu entscheiden, das sehe ich auch. Man kann sich aber dennoch politisch engagieren, indem man Altersheim oder Flüchtlingsheim aushilft oder diese beiden sogar mit einander verbindet. Die Flüchtlinge lernen deutsche Weihnachtslieder, backen mit den Senioren Plätzchen oder veranstalten ein Konzert. Es gibt viele Ideen, die man einfach nur umsetzen muss. Es fängt doch schon bei der inneren Haltung an, ob Blogger oder nicht: kaufe oder esse ich vegan, verzichte ich auf Plastik, versuche ich auf regionale Produkte zu achten usw. Es gibt in jeder Stadt unendlich viele Vereine, die sich sehr themenspezifisch und sehr kampagnenhaft für diese Themen einsetzen, denen man sich anschließen kann. Selbst an den Universitäten gibt es zahlreiche Gruppen zu diesen Themen und trotzdem glaube ich, dass die Partei auch nicht der schlechteste Ort ist.

M:      Natürlich könnte es aber dennoch immer noch abschreckend wirken, wenn der Weg in eine Partei so steinig ist wie bei dir zum Beispiel.

D:        Also, es gibt in verschiedenen Parteien seitdem natürlich Verbesserungen. Ich habe in der CDU in einer Reformkommission mitgearbeitet, seitdem gibt es Mitgliederbeauftragte, die spezifisch auf neue Mitglieder zu gehen. Es gibt einen Katalog, indem die wichtigsten Fragen beantwortet sind. Du wirst direkt vernetzt, wenn du junges Mitglied bist, mit der Jungen Union oder mit der Frauenunion, sodass du eine zugehörige Gruppe hast. Auch in anderen Parteien gibt es themenspezifische Gremien, sodass die Parteien anfangen, sich zu modernisieren. 

M:      Ich verstehe, es gibt einfach keinen super bequemen Weg, der gleichzeitig super effizient ist, sondern man muss es wirklich wollen und auch machen. Wie siehst du denn die Zukunft? Also, was würdest du sagen, wo geht die Reise denn überhaupt noch hin?

D:        Ich weiß es nicht genau. Ich habe das Gefühl, dass wir in Deutschland inzwischen viel diskutieren, dass eine junge Generation eben sehr politisch ist, auch wenn sie nicht genau weiß, wohin mit ihrer Kraft und mit ihren Ideen. Und dafür gilt es ein Ventil zu finden. Es gibt zig Leute, denen es so geht wie dir und die was Eigenes aufbauen und Leute anziehen, die damit ziehen wollen. Davon wird es in Zukunft immer mehr Initiativen geben. Es gibt einen Verein, der heißt „Kleiner Fünf“, da geht es darum, wie man in der Familie mit Familienmitgliedern umgeht, die die AfD wählen. Hier geht es darum die Fakten zu benennen und den Mut aufzubringen über Politik zu sprechen und nicht immer das Gefühl zu haben, man wisse zu wenig darüber. Es geht also darum, wie du als junger Mensch Fakten lernen kannst. Mit denen du dich positionieren kannst. Ich finde, wir bräuchten mehr Debattierclubs in den Schulen und in den Unis. Generell mehr Plattformen, auf denen man sich austauschen kann, gemeinsam Leute erreichen kann und Dinge bewirken kann. Also sobald du eine Idee hast, von der du überzeugt bist und keine geeignete Plattform findest, erzähle sie deinen Freunden, teile sie mit deinem Netzwerk und vielleicht triffst du auf Leute, die dich darin unterstützen.

M:      Das ist ehrlich gesagt so ein Problem, was ich auch persönlich habe, dass ich nämlich finde, dass dieser Zugang zu politischem Faktenwissen extrem schwer ist.

D:        Der Zugang zu politischem Wissen ist im Bundesvorstand der AfD auch sehr schlecht, und trotzdem machen sie Politik, darum geht es halt! Politik ist nicht, etwas zu wissen oder nicht zu wissen, sondern Politik ist eine Entscheidung zu fällen und zu argumentieren. Und du kannst aufrichtig sein und sagen, okay, ich kann das nicht so gut, ich weiß zu wenig. Aber, wenn du es nicht machst, macht es einer von der AfD und der hat vielleicht auch falsches Wissen oder gelogenes Wissen. Dann reicht es auch vollkommen aus zu sagen, ich weiß es nicht, aber meine grundsätzliche Haltung ist: „Ich will Leute nicht ausschließen.“  Du kannst mit jedem Gespräch deine Meinung revidieren beziehungsweise über den Widerspruch lernen, um deine Meinung zu festigen. Das ist das, was insgesamt in der Politik fehlt, dass jeder mit dem ersten Satz hofft, dass er da schon irgendwie eine Endzeitlösung präsentieren kann. Und ich glaube, dass es vertrauensvoll ist, und dass es was Gutes ist und was Ehrliches ist, wenn du sagst: „Ich habe jetzt gerade eine Antwort oder einen Vorschlag, der kann aber nur auf dem basieren, was ich inzwischen schon weiß. Wenn ihr irgendwelche Kritik daran habt oder Dinge, die ich übersehen habe, dann sagt es mir! Denn nur so kann sich eine Meinung weiterentwickeln.

M:      Gibt es noch weitere Beispiele wie „Kleiner Fünf“, die du empfehlen würdest? Ich höre zum Beispiel super gerne „Der Tag“ im Deutschlandfunk oder „Lage der Nation“. 

D:       Es gibt „Deutschland3000“ von Eva Schulz. Generell müsste es aber viel mehr solcher Formate geben. Nicht nur der Staat ist veraltet und konservativ, so sind auch die Parteien und der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Wenn du dir anguckst, wer die Intendanten sind, wie alt sie sind, was sie studiert haben, welche Hautfarbe sie haben, das ist ein ganz homogener weißer Alter-Herren-Haufen, so ist es leider. Und dass diese Intendanten nicht auf neue Themen kommen wie Cybermobbing o.ä., weil sie das nicht beschäftigt, ist klar. Und deswegen ist es auch so schwierig oder gucken die Leute auch weniger lineares Fernsehen.Ich bin auch niemand, der insgesamt einzelne Unterhaltungsformate irgendwie schlecht machen möchte. Aber natürlich müssen wir auch schauen, dass das reformiert gehört und dass da neue Themen reinkommen und neue Stimmen und neue Zielgruppen erreicht werden. Und das geht nur, wenn man so Leuten wie Eva Schulz, die halt gesagt hat, ich bin hier freie Journalistin und ich will was auf die Beine stellen und eben ganz innovatives politisches Videoformat bringt, das gut erklärt, das hipp ist, das irgendwie kontrovers ist, das eindeutig ist, das stark ist, das gute Zukunftsthemen behandelt, wenn man so jemandem Möglichkeiten gibt. Und dann ist es nicht nur, ich gebe dir jetzt hier mal irgendwie zwei Minuten Sendezeit und irgendwie ein Taschengeld, dass du deine Miete bezahlen kannst, nein, sondern dann müssen solche Leute Programmchefs werden und neue Formate mitentwickeln und dann muss man in neue Leute investieren und neue Leute heranlocken.

M:      Was hast du gleich noch für Termine?

D:       Ich bin heute bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei einer riesigen Veranstaltung zum Thema „Zukunft des Parlamentarismus“ mit Vertretern aus Israel, Spanien, Schweden und sogar mit Angela Merkel – glaube ich.

M:      Vorher stelle ich dir noch eine Frage: Wer ist dein Favorit für den künftigen Parteivorsitz?

D:        Sie haben alle gute Seiten und schlechte Seiten, sage ich jetzt mal. Also ich sage mal ganz kurz: Ich gehe jetzt mal ganz kurz alle drei durch: 

Jens Spahn finde ich gut, weil er relativ jung ist, weil er dadurch in der Gesundheitspolitik und in der Digitalpolitik gute und progressive Vorschläge. Er pragmatisch, fit und intelligent. Gleichzeitig finde ich ihn auf der anderen Seite natürlich auch schlecht, weil ich seine Abarbeitung der Flüchtlingsproblematik nicht befürworte, da ich finde er die CDU auf einen rechteren Kurs zu schieben versucht. Das ist nicht mein Kurs, deswegen fliegt der bei mir relativ früh raus. 

Friedrich Merz ist nur ein Jahr jünger als Merkel, also immer noch ein alter, weißer Mann, irgendwie Millionär und ständig bei irgendwelchen Investmentfirmen. Trotzdem befürwortet er das Jamaika-Bündnis. BlackRock, das Unternehmen, bei dem er vorher gearbeitet hat, baut gerade den weltweit größten Impact-Investing-Fonds, da kommen glaube ich 400 Milliarden Euro oder US-Dollar rein. Mit den 400 Milliarden Euro kannst du MILLIONEN von kleinen pakistanischen Startups fördern, die vielleicht eine Alternative für Plastik erfinden, die einfach innovativ sind und die Welt quasi retten können. Und das finde ich, ist ein guter Ansatz über Märkte und über Wirtschaftsvehikel nachzudenken, und das finde ich gut an ihm. Und gleichzeitig ist er eben auch einer, der vielleicht gerade aus der Wirtschaft eine neue Sprache gelernt hat, eindeutiger sein kann, kontroverser sein kann, mit dem sich besser streiten lässt. Friedrich Merz ist zum Beispiel auch jemand, der einen Wirtschaftspreis abgelehnt hatte, weil der ihm zu AfD-nah war. Also, da waren Leute an dem Wirtschaftspreis beteiligt, die aus rechtspopulistischen Kreisen kommen, da hat er gesagt, nein, nehme ich deswegen nicht an. Und das ist eben ein Kurs, den ich für die CDU gut finde. 

Annegret Kramp-Karrenbauer finde ich natürlich gut, weil sie als christlich-soziale Frau ein Werteschema hat, mit dem man viel anfangen kann wie Gewerkschaften, Chancengleichheit und solche Dinge. Ich finde sie gut, weil sie einen moderierenden Ton hat, sie muss nicht Angst machen, sie muss nicht aufpeitschen, sondern sie kann sehr sachlich argumentieren. Und deswegen würde ich fast sagen, dass sie meine Favoritin ist. Was mir sehr schwer fällt, ist natürlich dass sie gesagt hat, dass sie die Homo-Ehe falsch findet. Sie findet sie vor allen Dingen falsch, weil es ihrer Meinung nach ein Tor aufmacht, sodass man das Gesetz auch verändert könnte hinsichtlich Vielehen und Inzest-Ehen. Ich meine, du kannst nicht bei der Frage, ob du gleichgeschlechtlichen Paaren die gleichen Rechte einräumst wie einem heterosexuellen Paaren, das gleichzeitig mit Vielehen und Inzest vergleichen. Das finde ich unter aller Kanone. Da habe die Befürchtung, dass sie vielleicht auch bei Abtreibungen und ähnlichen Themen zu radikal konservativ ist. 

Von daher sind alle drei nicht meine Lieblingskandidaten, aber jeder bringt irgendwie was mit und ich glaube, dass es deswegen nicht nur in meiner Partei, sondern in allen Parteien die richtige Zeit ist, sich da mit einzumischen. Denn da ist Platz! Die Leute geben euch gerade Platz! Ich meine, manche sind traurig, weil da von der Politik nicht so viel Geiles kommt und gleichzeitig kannst du dich doch freuen. 

Weil DU dich jetzt einbringen kannst, deine Ideen haben da jetzt Platz.

Die Politiker sind alle orientierungslos, die wissen alle nicht so genau, wohin mit sich, jeder versucht sich in einer Marketingsprache, keiner weiß irgendwie, mit wem er arbeiten soll, mit wem nicht, alle wiederholen ihre Floskeln, dann sind die Wahlergebnisse schlecht, Große Koalition zum hundertsten Mal –  es ist schon frustrierend. Und ich meine, das gibt jungen Leuten Platz, radikal und experimentell und kreativ da reinzumarschieren und die Dinge zu erobern.

M:      Ja, das ist doch ein schönes Schlusswort. Also Leute, engagiert euch, tut was. Ihr habt gehört, man kann auch mit kleinen Dingen was bewegen. Und ja, im besten Fall muss man nicht irgendwie gefühlt ein Jahr auf seine Mitgliedschaft warten, sondern kann jetzt schon was bewegen!

November 29, 2018
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1 Kommentar

  1. Ein tolles Interview, danke Masha, dass du auch solche Themen beleuchtest.
    Ich bin seit ich 18 bin in der SPD aktiv, im etwas ländlicheren Gebiet. Ich hatte etwas mehr Glück als Diana beim Eintritt und wurde von Anfang an herzlich aufgenommen, aber auch ich kenne, wie ganz viele andere junge Genossinnen, das Problem mit den alten, weißen Männern, die in dir nur ein kleines Mädchen sehen und keine kompetente Frau mit guten, progressiven Ideen. Stattdessen verzweifelt man an jahrzehntealten Protokollvorschriften, versauert abends in irgendwelchen Kneipen bei Sitzungen mit Menschen ü50, die dich nicht ernst nehmen, sich lieber selbst beim Reden zu hören und auch gar kein Interesse haben, sich mit dir auszutauschen. Dazu wird man oft nicht nur nicht gefördert, sondern gezielt unten gehalten, um nicht die Posten von langjährigen und ach so verdienten Mitgliedern streitig zu machen.
    Klar, es gibt auch gute Seiten und viele tolle, kluge, engagierte Menschen, die was bewegen möchten und auch Parteinachwuchs fördern. Aber bei diesen negativen Erfahrungen, die ja eben die ersten Erfahrungen mit der Partei sind, wundert es mich nicht, dass viele junge Menschen (und vor allem Frauen) kein Interesse an Parteiarbeit haben und Parteien auf dem besten Wege sind einfach „auszusterben“ (leider im wahrsten Sinne des Wortes). Dabei sind sie doch das Rückgrat unserer Demokratie und so wichtig.