Wie viel brauche ich?

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„Ach Besitz belastet nur“


Ich schaue sie ein wenig skeptisch an. Sie sieht nicht grade aus, wie jemand, der wenig besitzt oder allzu belastet wäre. Stattdessen schaue ich in das Gesicht einer älteren, sehr gepflegten Lady um die 60, der man ansieht, dass Luxus ihr nicht fremd ist. Ich bin skeptisch, weil ich sie einer Generation zugeschrieben hätte, der wirtschaftlicher Erfolg enorm wichtig ist.

Erfolgreich ist sie: aktuell lebt sie in einem schönen Apartment in einer der teuersten Städte der Welt. Sie beklagt, die Lebenshaltungskosten würden täglich steigen und auch die Mieten stiegen gefühlt jeden Monat in ihrer neuen Heimat. Sie hätte mit ihrem Mann darüber nachgedacht sich dort eine Wohnung zu kaufen, aber sich dagegen entschieden. „Warum?“ frage ich neugierig und ziemlich direkt. Mein Impuls war schneller als mein Verstand, der mich normalerweise von so einer Frage bewahrt hätte. Und dann sagte sie diesen Satz:

Fashion Editorial | Second Hand Store Pick n Weight in Berlin Mitte | Vintage | Übersättigung

„Ach – Besitz belastet nur!“

Fashion Editorial | Second Hand Store Pick n Weight in Berlin Mitte | Vintage | Übersättigung
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So wie sie das sagte, mit einer leicht abwerfenden Handbewegung, glaube ich ihr sofort. Diese Frau sprach aus Erfahrung.

„Aber ist es nicht schön auch im Alter eine Absicherung zu haben und sei es nur eine kleine Wohnung irgendwo, wo man gerne lebt?“
„Ja, ich habe mir eine kleine Wohnung in Wien gekauft, aber mehr brauche ich nicht.“

Ich denke kurz nach, aber ja, sie hat Recht. Was braucht man mehr?
Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Erfolg in Zahlen gemessen wurde. Die Gleichung ging so:
Mehr ist mehr.
Erfolgreich war der, der mehr besaß.

Es war eine Zeit, als der Kapitalismus das wahre Glück versprach. Als die Globalisierung noch nicht so weit fortgeschritten war. Als es noch keine Sharing-Apps, kein Air BnB und nicht mal Co-Working Spaces gab. Oder Digitalisierung im Allgemeinen. Was es dagegen gab:

Schaffe Schaffe, Häusle baue.

Doch wie aktuell ist dieser Grundsatz noch?
Und stell ich mir diese Fragen nur, weil ich in Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs groß geworden bin?
Weil ich an sich alles besitze, was ich zum Leben brauche und noch mehr?

Bin ich satt?
Sind wir satt?

Denn obwohl mich gelegentlich die Marie Kondo Mentalität packt, so packt mich auch hin und wieder die Lust nach Neuem. Einem neuen Kleidungsstück, einem neuen Möbelstück und einfach mal ein bisschen Abwechslung. Ganz so satt bin ich also auch nicht. Auch mein Wunsch nach Neuem ist unstillbar.

Doch braucht man wirklich mehrere Autos, Häuser und einen Kleiderschrank, den man kaum zukriegt? Und muss neu auch immer „neu produziert“ bedeuten?

Ich versuche mir selbst eine ehrliche Antwort auf diese Frage zu geben und zögere.

Fashion Editorial | Second Hand Store Pick n Weight in Berlin Mitte | Vintage | Übersättigung
Den Besuch im Second Hand empfand ich tatsächlich als Belastung. So viele aussortierte Kleidungsstücke. Was für viele eine Schatzgrube ist, vermittelte mir das erdrückende Gefühl von Enge.

Wie investiere ich meine kostbare Zeit?
Investiere ich meine Zeit in Arbeit für den wirtschaftlichen Wachstum?
Investiere ich meine Zeit in meinen persönlichen Wachstum?
Investiere ich Geld in Dinge oder Erlebnisse?

Was ist mir wichtiger?
Menschlicher oder wirtschaftlicher Wachstum?

Fashion Editorial | Second Hand Store Pick n Weight in Berlin Mitte | Vintage | Übersättigung
Zwar glaube ich fest daran, dass eine gewisse finanzielle Sicherheit wichtig ist für den inneren Frieden, doch wo schießen wir über das Ziel hinaus?
Wo liegt die Grenze zwischen Notwendigkeit und Dekadenz?
Wie finde ich eine Balance aus finanzieller Freiheit und kaufe nicht trotzdem mehr, als ich tatsächlich brauche?

„Besitz belastet“

Ich glaube, ich werde noch länger über diesen Satz nachdenken müssen.

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Mai 25, 2019

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7 Kommentare

  1. Sehr schöner Beitrag. Das Thema Besitz schwirrt irgendwie grade nur so um mich herum – aber in dem Bereich Eigentum.
    Egal ob meine Generation oder die Jüngeren – für jeden steht irgendwie fest: Haus muss sein. Mein Mann und ich sind da genau das Gegenteil.
    Klar ist der Gedanke schön – „Dieses Haus gehört nur uns!“ aber für uns stehen die ganzen Risiken im Vordergrund. Was ist wenn die Heizung kaputt ist? Mal eben 25.000 € haben wir nicht so locker. Der neue Nachbar ist der Horror? Mal eben ausziehen ist nicht drin. Schwanger sein und in Elternzeit gehen? Ich als Frau verdiene in der Beziehung mehr und kann mir mehr als ein Jahr Auszeit nicht gönnen? Wofür soll ich dann ein Kind kriegen, wenn ich danach wieder Vollzeit arbeiten muss um den Kredit abzuzahlen? Und was habe ich davon im Endeffekt? Ich zahle bis zur Rente oder länger ein Haus ab – oder zahle ich lieber bis zur Rente eine Miete? Ja, ein Kind hätte dann nach meinem Tod ein Haus aber was habe ich davon?
    Gedanken über Gedanken :D

    1. Hi Anna,

      das Thema Eigentum beschäftigt mich grade auch enorm… vermutlich weil sich langsam die Ersten Häuser kaufen und man sich denkt: sollte ich es vielleicht auch wagen?
      Ich glaube für mich selbst würde ich in meiner Wohnung bleiben, aber macht vielleicht ein Haus mit Garten Sinn? Braucht man überhaupt so viel Platz? Ich habe die richtige Antwort für mich auch noch nicht gefunden…

  2. Hey Masha,
    du sprichst mir aus der Seele. Ich habe vor über einem Jahr gemerkt, dass ich mich von meinen ganzen Kleidungsstücken und Dingen erdrückt fühle. Es bei weitem nicht so, dass ich eine vollgestopfte Wohnung habe, aber zu wissen was sich in den Schränken befindet löste Druck bei mir aus. Dann habe ich in einer Nacht und Nebel Aktion, nach dem Marie Kondo Prinzip alles ausfemisstet. Übrigens ihr Buch vermittelt den Spark of Joy 1000 mal besser. Kurz vor dem Ausmisten hatte ich mich entschieden ein Jahr keine Kleidung mehr zu shoppen. Das war am Anfang schwer und jeder meiner Mitmenschen war entsetzt, aber auch gleichzeitig beeindruckt. Ich habe das Shoppenfasten geschafft und kaufe jetzt wieder bewusster und nur noch Sachen, die zu mir und meinem Style passen. Dennoch bin ich aktuell weit entfernt von wenig Konsum oder einem minimalistischen Lebensstil. Mein Fazit ist für mich nicht mehr nur im Saleware zu kaufen, weil es reduziert ist und nur noch Sachen zu besitzen und zu tragen die ich liebe. Meine Wohnung soll so bleiben, wie sie ist mit Vintage-Funden und ausgefallen Dekostücken. Dennoch will ich den Juni und Juli wieder mit less shopping feiern.

    1. Ich verstehe voll was du meinst.
      Ich habe so viele wunderschöne Teile im Schrank und gefühlt trage ich immer nur dieselben Sachen. Ich müsste auch mal rigoroser aussortieren, aber irgendwie.. ich weiss auch nicht. Stattdessen wandert irgendwie immer mehr in den Kleiderschrank. Schätze ich bin auch ziemlich weit entfernt von einem minimalistischen Lebensstil…

  3. Guter Artikel, sehr geeignet zum Nachdenken.
    Ich finde übrigens deine Entwicklung in den letzten 3 Jahren phänomenal und das ist kein fishing for compliments!
    Ich sehe hier wirklich eine Entwicklung zur Frau und dass du nicht einfach Influencer geworden bist, sondern immer noch diesen Blog betreibst und immer noch besser schreibst von Jahr zu Jahr ist toll. Und fast schon einzigartig in D.
    Chapeau!
    Liebe Grüße
    Claudia / http://www.claudinesroom.com