Wie werde ich Hörbuch-Sprecher/in?

in Kooperation mit Audible

Vor einiger Zeit durfte ich Vera Teltz treffen, eine Schauspielerin und Synchronsprecherin, die u.a. auch für Audible Hörbücher einspricht, zB. Die Erbin oder neuerdings auch „Hemingway und ich“. Wer, wie ich, häufig Hörbücher hört, wird vielleicht auch schon festgestellt haben, dass es wenig weibliche Stimmen in der Branche liegt. Vera gehört also nicht nur generell zu den wenigen in diesem Beruf, sondern ist in der Szene ein echter Superstar.
 
Ich durfte sie zu ihrem Werdegang befragen, zu ihrem Alltag und dessen Herausforderungen und nicht zuletzt wie man eigentlich Hörbuch-Sprecherin wird. Neugierig geworden?
Dann wünsche ich euch viel Spass beim Lesen!

M: Würdest du dich vielleicht kurz in eigenen Worten vorstellen?
V: Ja klar – Ich bin Vera Teltz. Ich bin Schauspielerin und Sprecherin und habe in meinem Leben bzw. in meinem Beruf schon einiges erleben dürfen – also eigentlich schon alle Facetten davon. Und in letzter Zeit spreche ich vor allen Dingen und auch sehr gerne Hörbücher ein – sowie heute hier im Studio.
 
M: Wie würdest du deinen Beruf ganz allgemein beschreiben?
V: Dann würde ich sagen, dass ich Schauspielerin bin, aber momentan wahrscheinlich eher Sprecherin.
 
M: Was kann ich mir unter dem Begriff Sprecherin genau vorstellen?
V: Hörbücher – ich glaube darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Zusätzlich mache ich auch synchron sehr viel. Die Leute fangen dann meistens an zu fragen „Kann ich das auch mal machen?“. Dann kommt man immer in die Bredouille zu erklären, dass das eben trotzdem nah an der Schauspielerei liegt und man beim Synchronisieren auch spielen können muss.
 
M: Wie wird man SynchronsprecherIn?
V: Also ich würde es als kleineren Bereich des Schauspielberufs beschreiben. Ich habe während meiner Schauspielausbildung bereits damit angefangen. Einfach auch um sich neben dem Studium bereits etwas dazu zu verdienen. Dort habe ich schnell gemerkt, dass Sprache, das Auditive irgendwie mein größeres Talent zu sein scheint und dann hat sich das einfach so entwickelt.
 
M: Aber sind denn die meisten Synchronsprecher auch automatisch Schauspieler?
V: Viele sind tatsächlich auch SchauspielerInnen und manche eben von klein auf mit dabei und sind mit dem Synchronisieren aufgewachsen. Wirkliche Quereinsteiger gibt es eher selten würde ich behaupten, wenn dann eventuell eher Musiker. Also Leute, die von Natur aus ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl haben.
 
M: Welche Fähigkeiten sollte ein/e SynchronsprecherIn mitbringen?
V: Also auf jeden Fall ist Rhythmusgefühl tatsächlich ganz wichtig, wenn ich jetzt einfach mal ausklammere, dass ich persönlich glaube, dass man entweder damit aufgewachsen ist oder man eine Schauspielausbildung hat. Man muss sich sofort in dem Moment auf etwas einlassen, das man sieht und den Gedanken verfolgen, um ihn mitspielen zu können. Dafür muss man eigentlich gelernt haben seinen Körper zur Verfügung zu stellen. Das heißt wenn ich eine Frau sehe, die im wahnsinnigen Ärger ist, dann muss ich fähig sein, diese Emotion durch mich durchzulassen. Ich glaube es gibt Leute, die haben einfach dieses Talent an sich, aber eigentlich ist das ein Teil, den man beispielsweise an der Schauspielschule lernt. Außerdem muss man teamfähig sein, da man mit vielen Leuten zu tun hat. Neben einem sitzen Cutter, Regisseur und Tonmann, die alle gleichzeitig etwas von einem wollen. Da muss man auf jeden Fall gelassen bleiben können und ganz bei sich bleiben.
 
M: Wie hoch ist der Anteil des kreativen Ausdrucks im Vergleich zu dem klassischen Angelerntem?
V: Also es ist beim Synchronisieren natürlich viel weniger, als wenn ich normal spiele. Es bleibt ein kleiner Rest, weil es schlussendlich doch nicht egal ist, wer synchronisiert. Sonst wäre man ja auch austauschbar. Das heißt, man bringt neben der Stimmfarbe natürlich auch seine Persönlichkeit oder vielleicht auch seinen Blick auf die Figur oder den Film ein, aber tatsächlich in einem sehr kleinen Maße. Das muss man als KünstlerIn dann einfach ertragen (lacht).
Ich habe mal am Theater in der Oper mit einer Sängerin neben mir und einem Orchester vor mir gearbeitet. Wir waren nur zwei SchauspielerInnen und der Rest waren eben SängerInnen und ich war völlig überrascht davon, dass sie den Rhythmus vom Dirigenten vorgegeben bekommen. Das hätte mich persönlich wahnsinnig gemacht, weil ich dann denke, das ist doch mein Ausdruck, gerade der Rhythmus oder wann ich die Pause setze. Wie krass das ist, dass mir das jemand vorgibt. So ist es dann beim Synchronisieren auch. Es ist also eher ein gelerntes Handwerk, als ein kreativer Ausdruck.


M: Wie sieht ein typischer Arbeitstag als SynchronsprecherIn aus?
V: Dadurch, dass ich sowohl Synchronsprecherin als auch Schauspielerin bin, habe ich immer eine tolle Abwechslung. Im Synchronsprechen sagen dir viele Leute, wie du etwas einsprechen sollst und dann liebe ich es ein Hörbuch einzusprechen, wo ich meine Ruhe habe und alles selbst bestimmen darf. Beim Synchronsprechen kann es durchaus mal vorkommen, dass ich zu vier Firmen am Tag fahren muss, weil man im Gegensatz zum Drehen recht schnell einen Film synchronisieren kann. Dann fahre ich tagsüber durch die Stadt in unterschiedliche Studios, um verschiedene Rollen einzusprechen. Da trifft man immer wieder auf neue Menschen, auf die man sich einstellen muss und natürlich auch auf die neuen Rollen. Außerdem fallen zusätzlich administrative Aufgaben wie Terminkoordinierung, Steuer etc. an, um die man sich in der Selbstständigkeit kümmern muss.
 
M: Wie vereinbart man die Schauspielerei mit dem Synchronsprechen?
V: Das Schöne in der Synchronbranche ist das unausgesprochenen Gesetz „Drehen geht vor“. Das heißt, wenn man einen Drehtag hat, dann werden die Leute alles tun, damit die Terminkoordination ermöglicht wird. Eigentlich ist das Synchronsprechen recht flexibel, was total schön ist, da ich auch ein Kind habe und es mir möglich ist zu sagen, dass ich heute aber nur bis 15:00 Uhr arbeiten kann. Das ist natürlich auch etwas mit Stress verbunden, aber ich erlebe das eigentlich so, dass man sich da wirklich gut unterstützt. Ein Dreh hingegen ist super unflexibel, sodass man sich selbst dann auch etwas koordinieren muss und evtl. auch mal am Abend oder einem Samstag zum Einsprechen geht.
 
M: Welche Vorteile für die Schauspielerei ergeben sich aus dem Beruf der SynchronsprecherIn?
V: In erster Linie würde ich sagen, dass mich das Synchronsprechen dazu bringt viel spontaner und furchtloser zu sein. Da man eben die Möglichkeit hat, es immer noch einmal einsprechen zu können. Ich war früher viel mehr auf Perfektion aus und war kontrollierter. Man kann immer nur probieren, nicht darüber nachdenken und angstfreier agieren. Außerdem ist Spontanität ein wichtiger Faktor und ich glaube auch der Größte, den ein Schauspieler mitbringen kann.
 
M: Gab es in der Vergangenheit einen Charakter, mit dem Sie sich persönlich identifizieren konnten und haben Sie schon einmal Charaktere gesprochen, die Ihnen unsympathisch waren?
V: Leider gab es schon einige Charaktere, die ich gesprochen habe und die mir unsympathisch waren. Das gibt es tatsächlich häufiger. Ich hatte in der Vergangenheit schon öfter Krimis, in denen ich Charaktere einfach nur nervig und zickig empfand. Dann realisiert man, dass die Leute diese Charaktere auch mit dir persönlich in Verbindung bringen und man kann nichts dagegen machen. Ich habe aber zum Glück auch ganz viele schöne Bücher gelesen, in denen es ganz besondere Charaktere gab. Heute beispielsweise haben wir Hemingway und ich zu Ende gelesen, in dem es um eine der Frauen von Hemingway geht, Martha Gellhorn. Es ist absolut unmöglich sich mit ihr zu vergleichen, da sie eine unglaublich mutige Kriegskorrespondentin war. Das war eine Frau, die mich total beeindruckt hat. Allerdings gab es auch Facetten aus ihrem Leben, mit denen ich mich sehr identifizieren konnte.
 
M: Was ist tatsächlich die größere Herausforderung?
V: Es ist für mich auf jeden Fall eine größere Herausforderung Charaktere zu sprechen, die mir persönlich unsympathisch sind. Hier stehe ich immer vor der Aufgabe Facetten zu finden, die ich an demjenigen mag oder versuche mir vorzustellen, wie die Hörer es gut finden könnten. In diesem Moment bist du dann eher Dienstleister und ich persönlich habe den Anspruch an mich selbst, meine Arbeit immer mit einer gewissen Energie zu machen, um die Person richtig zu verkörpern. Wenn es allerdings nicht nur meine persönliche Empfindung, sondern die dramaturgische Funktion der Figur ist, dann macht es natürlich sehr viel Spaß auch mal unsympathische Rollen zu sprechen. Alle Charaktere, die ich bewundere oder mit denen ich mich identifizieren kann, genieße ich einfach sehr zu sprechen. Vor allem liebe ich es Dialoge zu sprechen, da geht es fast wie von allein und ich denke mir „Was für ein toller Job. Wie gut ich es doch habe“ (lacht).

„Ich hatte in der Vergangenheit schon öfter Krimis, in denen ich Charaktere einfach nur nervig und zickig empfand. Dann realisiert man, dass die Leute diese Charaktere auch mit dir persönlich in Verbindung bringen und man kann nichts dagegen machen.“

„Das Schönste an dieser Arbeit ist, das Gefühl zu haben etwas lebendig gemacht zu haben und wirklich etwas von mir gegeben zu haben, um diese Geschichte zum Leben zu erwecken.“

M: Haben Sie eine/n der SchauspielerInnen, die sie auch synchronisieren bereits persönlich getroffen?
V: Nein leider noch nicht. Ich habe ein paar SchauspielerInnen aus der Entfernung bei den Premieren gesehen, aber persönlich getroffen leider noch nie. Tatsächlich stelle ich mir es aber als eine sehr spannende Erfahrung, sowohl für den/die SchauspielerIn als auch für mich vor. Es entsteht ein Gefühl von enger Vertrautheit, weil man den anderen minuziös beobachtet und analysiert. Was natürlich jedermann betrifft ist, dass das Fernsehen immer so absurd nah ist und die Empfindungen weit über die eigene Intimgrenze hinaus gehen und einem immer das Gefühl vermittelt wird, die Person selbst zu kennen.
 
M: Ganz Allgemein: Welches war bisher hier schönstes Erlebnis in diesem Bereich und gibt es noch ein Ziel, welches Sie gerne erreichen würden?
V: Das Schönste an dieser Arbeit ist, das Gefühl zu haben etwas lebendig gemacht zu haben und wirklich etwas von mir gegeben zu haben, um diese Geschichte zum Leben zu erwecken. Ein wirklich gutes Gefühl stellt sich bei mir ein, wenn ich meine Arbeit ohne Kompromisse ausüben konnte und vollkommen zufrieden mit meiner Interpretation bin. Wünschen tue ich mir insbesondere mehr Hörspiele zu sprechen, was glücklicherweise momentan auch der Fall ist. Da trifft beides zusammen: originäres Spielen, weil man in diesem Moment etwas kreiert, aber im selben Moment bleibt man auf der Hörebene, in der ich mich super zuhause fühle. Umso mehr freue ich mich über die Entwicklung, dass sich die Leute scheinbar immer mehr dafür interessieren.
 
M: Wird man anhand der Stimme auch im Alltag erkannt?
V: Es passiert nicht sehr häufig, aber es ist tatsächlich schon vorgekommen und zwar eher aus einer Irritation heraus, in der die Leute denken „Ich kenne Sie doch irgendwo her“. Darauf erwidere ich dann, dass das wahrscheinlich meine Stimme sein muss und so wird das dann heruntergebrochen und aufgelöst.

M: Haben Sie eine absolute Lieblingsrolle, die Sie gesprochen haben?
V: Also es gibt ein für mich unvergessliches Hörbuch, das Seelenhaus. Darin geht es um die letzte verurteilte Mörderin auf Island im 19. oder 18. Jahrhundert. Das ist irgendwie auf eine Art geschrieben, die mir total nah gegangen ist. Diese Figur habe ich wirklich total gemocht und obwohl ich wusste, dass sie am Ende hingerichtet wird, habe ich die ganze Zeit gehofft, dass es nicht so ist.
Außerdem spreche ich sehr gerne die Schauspielerin Naomie Harris, die man beispielsweise in Fluch der Karibik als Calypso gesehen hat. Diese Schamanenrolle zu sprechen hat mir wirklich sehr gut gefallen. Oder Margaret Atwood und ihr Hörbuch „Der Report der Magd“, das war auch ganz toll und da war ich sehr froh, dass ich das machen durfte.
 
M: Gibt es Wunschrollen? Oder eine Art von Rolle, die Sie noch nicht hatten?
V: Eigentlich mag ich alles sehr gerne was sich außerhalb von Klischees befindet. Was mir glaube ich persönlich sehr gut liegt, sind diese taffen Figuren. Alle Rollen, die die Klischees etwas aufbrechen und mich herausfordern, wie beispielsweise die Rolle heute, die sehr taffe Sachen macht und sich gleichzeitig als auch sehr unsicher, zärtlich und verzweifelt beschreibt. Vielfältigkeit in Verbindung mit emotionaler Tiefe gefällt mir sehr.
 
M: Und zum Abschluss noch ein kurzes Fazit Ihrerseits: Hat das Synchronsprechen Traumberufpotenzial?
V: Absolut – das denke ich mir ganz häufig, wenn ich ein Buch lese und diese faszinierenden Geschichten dann selbst mitgestalten darf. Außerdem schätze ich die zeitliche Flexibilität sehr, sodass immer noch genügend Zeit für die Familie bleibt und man dennoch gut entlohnt wird. Etwas Besseres kann man sich doch gar nicht wünschen oder? Es spielt alles zusammen und ich kann schlussendlich sagen, dass es einfach ein unfassbar schönes Leben ist, wofür ich auch sehr dankbar bin.



This post is also available in Englisch



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3 Kommentare


  1. Danke für dieses mitreißende Interview, Masha – ich habe es so gern gelesen, es richtig verschlungen! Ich liebe es, Menschen, die normalerweise hinter dem Vorhang bleiben, mal auf diese Art kennenzulernen und etwas über ihre Tätigkeiten zu erfahren. Da steckt so viel Neues, Interessantes dahinter!

    Meine Schwester, die selbst schauspielert (Musicals spielt), hat auch schon ein paar Werbungen gesprochen, aber dass das Einsprechen mit der Schauspielerei direkt zusammenhängen könnte, habe ich bisher gar nicht bedacht.

    Stimmen finde ich überhaupt sehr interessant: wie die Nase können wir unsere Ohren auch nicht von selbst „schließen“, da geht also immer was rein. Als ich diesen Sommer bei einem Workshop von Foley Artists (Film-Geräuschmachern) war, zeigte uns der Artist ein Beispiel, und grollte dumpf und bedrohlich ins Mikro. Diese kurze Sequenz verlängerte er und unterlegte sie mit viel dickem Bass, damit es sich nach einem „großen Monster“-Geräusch anhörte. Obwohl er das Geräusch manipulierte, blieb das Bedrohliche, Grauslige, Unheimliche erhalten! Und genau das wollte er uns damit zeigen: dass man Stimmen zwar verändern kann, die Emotionen darin aber weiterbestehen. So spannend!

    Ich finde es supertoll, dass du unseren Blick auch auf solche Themen lenkst, und würde mich über noch ein paar mehr solcher coolen Artikel bzw. Interviews sehr freuen!

    Antworten

    1. uiii das freut mich sehr zu hören, denn tatsächlich war das quasi eine Art Testlauf um zu schauen, wie Interviews mit spannenden Menschen ankommen würden.. In Zukunft werde ich das dann auch richtig aufnehmen und auch veröffentlichen. Interviews mit spannenden Menschen finde ich selbst so cool und deswegen wollte ich schon mal testen, wie ihr so drauf reagiert! Freu mich sehr, dass es gut ankommt :)

      Antworten

  2. Ein super interessantes Interview!
    Der Beruf der Synchronsprecherin hört sich wirklich super spannend und auch abwechslungsreich an :)
    Könnte ich mir auf jeden Fall auch vorstellen.

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    https://www.themarquisediamond.de/

    Antworten
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