Wo ist der digitale „Pause“-Knopf?

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Achtsamkeit und Digitalisierung – passt das zusammen?

Ich bin 30 Jahre alt, ein Kind der späten 80er Jahre. Das Besondere daran ist: ich gehöre damit der letzten Generation an, die zwar ohne Digitalisierung aufgewachsen ist, sich aber zugleich Digital Natives nennen darf.
Erst heute begreife ich langsam, welches Privileg das ist.
Mein erstes Handy hatte ich mit 12 und war damit eine der Ersten auf meiner Schule. Viel anfangen konnte ich damit noch nicht. Damals konnte man damit nur telefonieren und SMS schreiben, was reichte, um mit meiner Mutter zu kommunizieren. Das sollte zwar nur der Anfang sein, doch wussten wir alle noch nicht, welche Revolution uns da bevorstand.

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Die Digitalisierung hat alles verändert, effizienter gemacht, schneller – aber auch besser? Hätte ich in dem Alter schon die Welten und Inhalte richtig einordnen können?

Vermutlich nicht. Ich hätte möglicherweise Fehler gemacht, die mich ein Leben lang begleiten, weil das Internet bekanntlich nichts vergisst. Ich hätte deutlich mehr Zeit drinnen, als draußen verbracht und wer weiss, vielleicht hätte ich weniger Zeit gehabt mich zu entfalten. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann denke ich daran, wie ich auf meine beste Freundin warten musste, zum nächsten Münztelefon ging, 20 Pfennig reinschmiss und mich auf dem Haustelefon darüber erkundigte, ob sie schon losgefahren sei. Heute geht das deutlich einfacher über WhatsApp. Auch mit meiner Mutter kommuniziere ich mittlerweile dort fast nur noch über den Familienchat. Das ist zielführender als das gute alte Haustelefon. Generell ist vieles effizienter, was wir heutzutage im Zuge der Digitalisierung nutzen, egal ob Kommunikation, Banking oder OnlineShopping.

Unser Leben ist dank der Digitalisierung deutlich einfacher geworden
– und dadurch wesentlich schneller.

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Auf einer persönlichen Ebene bin ich der Digitalisierung wohl zum Dank verpflichtet, denn ohne sie gäbe es meinen Beruf und die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, nicht. Sie hat mein Leben grundlegend verändert. Wer weiss, welchem Beruf ich sonst möglicherweise nachgegangen wäre? Die Digitalisierung hat mir die Möglichkeit gegeben mich selbst zu verwirklichen. Leute aus aller Welt können mir nun fast live zusehen und direkt mit mir kommunizieren. Das ist verrückt, jedoch entstanden hierdurch auch tolle Freundschaften rund um den Globus.

Man entdeckt Orte, die man sonst nur im Reisebüro entdeckt hätte und bekommt die neuesten Food Trends in den USA mit, noch während sie entstehen. All das trägt zu einer Vielzahl an Möglichkeiten bei, aber der Preis dessen wird einem nicht auf den ersten Blick bewusst. Wir haben nun immer das Gefühl, das Beste heraus filtern zu müssen, immer up to date zu sein, nichts verpassen zu dürfen. Doch während die Digitalisierung immer schneller vorangeht, wird mir manchmal ganz schwindelig von dem Tempo.

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Vermutlich ist die Digitalisierung Fluch und Segen zugleich: man fühlt sich erschlagen von den zahlreichen Optionen, die sich einem plötzlich bieten, man steht permanent unter Zeitdruck, weil Kommunikation so direkt geworden ist und fühlt sich in einem Hamsterrad der Erreichbarkeit gefangen. Wie soll man da noch abschalten und sich bewusst Zeit nehmen? Wir müssen das neu lernen. Wir müssen lernen uns Zeit und Raum ganz bewusst für uns in Anspruch zu nehmen und uns auch mal von Handy, Laptop & Co trennen. Diese bewusste Entscheidung müssen wir nicht nur wir gelegentlich treffen und sie ertragen, auch unser Umfeld, das häufig unsere Rund um die Uhr Erreichbarkeit voraussetzt, muss diese Entscheidung respektieren.

Offline ist die neue Tabuzone.

Die Frage ist also nicht, ob wir in unserer Gesellschaft computer- und handyfreie Zonen einrichten sollen, sondern ob wir uns den Raum einfach schaffen. Online- und Offline-Welt sind schließlich keine zwei unterschiedliche Welten, es ist Eine. Denn auch das ist ein Trugschluss: Die Digitalisierung wird nicht erst kommen, sie ist schon längst da. Die Folgen, Burn-out, Verlust der Privatsphäre, Fomo, etc. sind nur die Wachstumsschmerzen der Gesellschaft, die sich noch nicht vollkommen darauf eingestellt hat. So bin ich nicht nur die erste Generation der Digital Natives, ich gehöre auch zur letzten Generation, die noch weiße Flächen auf der Lebenskarte vorzeigen kann, die noch nicht vom Algorithmus erfasst wurden. Ich bin transparent, aber eben noch nicht ganz: Wie ein Glas, das durch den Atem der Vergangenheit noch verschwommen wirkt. Doch auch dieser Schleier wird sich bald lösen, denn auch die Gedanken sind schon lange nicht mehr frei, sondern gelesen und bestimmt vom allgegenwärtigen Algorithmus.

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September 14, 2019
Category - sonntagspost

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6 Kommentare

  1. Danke Masha, für deine wertvollen Gedanken. Ich bin Anfang der 90er auch noch ohne Handy aufgewachsen und sehe es ebenfalls als Privileg. Ich weiß gar nicht, wie ich meinem 8 Jahre jüngeren Bruder erklären soll, dass es auch mal ohne ging und wie sich echte Freiheit anfühlt. Ich finde es so wichtig dass du deine Message nach Außen transportierst – gerade in einem Job, wie deinem!

    1. Ich weiss gar nicht ob das wirklich echte Freiheit war, oder ob wir es im Nachhinein so interpretieren bzw. idealisieren. Ich bin total froh, dass wir Smartphones haben, aber ich bin auch dankbar, dass es damals einfach noch keine gegeben hat, sodass nicht mein GESAMTES Leben aufgezeichnet wurde :D
      Aber verrückt was nur 8 Jahre schon ausmachen…

  2. Hey masha, mal wieder ein Blogpost in dem du weiter greifst als viele deiner Kolleginen. Ich studiere Techniksoziologie im Master und da hast du gleich mehrere Themen, aufgegriffen mit denen sich auch die Wissenschaft intensiv beschäftigt. Für die meisten klingt das noch nach: ok veränderung aber alles machbar. Wenn man das große Ganze betrachtet muss man aber sagen, dass niemand niemand niemand auch nur abschätzen kann in welche Richtung der Wandel geht. Auf jeden Fall wird er massiv sein für unser Zusammenleben, die menschliche Selbstperzeption, die gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die Werteordnung. Was wird (ohne jemanden judgen zu wollen) aus einem Leone Ferragni, der sein Leben lang nur Menschen begegnen wird, die bereits alles über ihn wissen…sogar mehr als er selber weiß oder an das er sich erinnern kann. Aber für ihn wird das normal sein, genau wie für tausende andere Kinder. Wie werden zukünftig Mutter-Kind-Beziehungen, in denen die junge Mutter eigentlich schon 10 Schwangerschaften und Geburten miterlebt hat und schon etliche Kinder täglich über Instagram hat aufwachsen sehen? Algorithmen könnten auch divers und tolerant programmiert werden, aber hinter der Programmation findet ja schon eine Entscheidung statt. Die wird von Informatikern getroffen, die ihre Weltsicht (ohne böse Absicht) dareinschrieben. Diese Weltsicht ist aber zu 95% männlich, weiß und Nerd und unternehmensorientiert. Es braucht unbedingt mehr Sensibilität wie wichtig Technikgestaltung und Datenverarbeitung sind. Digitalisierung könnte durchaus auch fair sein und gegen gesellschaftliche Missstände programmiert werden. Nur hier liegt der Einfluss immer noch auf zu stark auf Seite der Tech-Konzerne und dem damit verbundenen Gewinnintereresse. Weil die Politik es einfach nicht kapiert – das genau dort die Zukunft geschrieben wird.