1 Monat Quarantäne als Paar.

Anzeige

Kann man sich durch mehr räumliche Nähe emotional distanzieren?

Mittlerweile ist es einen Monat her, seit wir beschlossen haben uns von unserer Außenwelt abzugrenzen und uns in freiwillige Quarantäne zu begeben. Zuerst sind wir von zwei Wochen ausgegangen, dann von drei, mittlerweile gehen wir in die 5. Woche und ich sag mal so: spätestens nach Woche 2 sind wir knallhart auf dem Boden der Tatsachen angekommen.

Obwohl in mir keine echte romantische Seele steckt, stellte ich mir die gemeinsame Zeit dennoch irgendwie romantisch vor: gemütliche Zweisamkeit, mehr Zeit für sexy time, tiefgründige Gespräche, und die gemeinsamen Koch- und Spieleabende sollten eine noch engere Verbindung schaffen.
Ganz nach dem Motto:

Wir gegen den Rest der Welt.

Ist es nicht das, was uns immer in den ganzen Hollywood-Filmen suggeriert wird? Wie Menschen eine tiefe Verbindung zueinander entwickeln, wenn sie nur über einen längeren Zeitraum miteinander in Isolation verbringen? Filme wie Passengers und Geschichten wie die von Bonnie und Clyde gaukeln uns vor, eine Beziehung würde nur gestärkt werden, wenn zwei Menschen auf engem Raum 24/7 miteinander verbringen würden – und irgendwie habe ich das selbst auch geglaubt. Warum auch nicht? Mehr Zeit zu Zweit = mehr Zeit gemeinsam Erinnerungen zu schaffen. Auch auf Instagram leben zahllose Paare das Idyll einer perfekten Beziehung vor und nutzen die Zeit zusammen um Couple Workouts zu machen, lustige TikToks und lassen keine Gelegenheit aus, stets zu betonen, wie schön die Zeit zu Zweit ist und wie sehr man es genießt, e n d l i c h den Partner voll und ganz für sich beanspruchen zu können.

Doch was passiert, wenn Erwartung und Realität miteinander kollidieren?
Es entsteht Frust und Enttäuschung.

Warum zur Hölle spricht also keiner darüber, wie verdammt herausfordernd es ist, ein und denselben Menschen rund um die Uhr um sich zu haben? Denn mehr Zeit zu Zweit, bedeutet auch, dass es viel mehr Zeit zum Streiten gibt und man sich beiläufig Gemeinheiten an den Kopf schmeißen kann – den ganzen Tag lang.

Er ist genervt, dass ich ihn so viel anquatsche, während er arbeitet.
Ich bin genervt, dass er mir nicht im Haushalt hilft.
Er ist genervt, wenn ich tagsüber meine Workouts mache, während er einen Call hat.
Ich bin genervt, dass er sich zum gemeinsamen Lunch wieder an den Computer setzt, statt die 5 Minuten mit mir zu verbringen und davon, dass er genervt ist, wenn ich ihn vermeintlich nerve.

Und mal ehrlich: wie soll Intimität aufkommen, wenn man sich den ganzen Tag in Jogginghosen begegnet, sich den ganzen Tag reinigt, weil man möglicherweise virenverseucht ist und der Spontanität den Raum nimmt? Erzwungene Nähe schafft Distanz und Nein, diese Situation hat nur wenig Romantisches an sich, wenn wir mal ehrlich sind.

Hinzu kommt die Unsicherheit der allgemeinen Situation, sowohl gesundheitlich, als auch finanziell, die daraus resultierende Belastung und emotionale Unausgeglichenheit und die sinkende Hemmschwelle es auch mal beim Partner auszulassen.

Vor allem gibt es auch kaum Fluchtmöglichkeiten: Freunde soll man nicht sehen, Verkehrsmittel meiden und überhaupt: Wohin soll man gehen, wenn man gerade etwas Abstand und Me-Time braucht? Aufs Klo?

Mittlerweile wundert es mich nicht, dass die Scheidungsraten in die Höhe geschossen sind, als der Lockdown in China vorbei war. Dort waren die Regeln schließlich auch noch strenger und viele Menschen saßen auf engerem Raum aufeinander. Kein Wunder, dass nach zwei Monaten Lockdown sich vor den Behörden Schlangen mit Scheidungswilligen bilden. Vermutlich gibt es auch nur wenig, das einen als Paar für eine gemeinsame Zeit in Quarantäne vorbereiten könnte, wenn jeder sonst für sich sein Leben lebt und seine Routinen hat.

Was mich angeht: Ich habe neue Routinen entwickelt. Ich spreche meine Workouts ab, versuche meinen Freund nicht wie meine Kollegen im Büro zu behandeln und unternehme kurze Spaziergänge im Park, wenn mir Zuhause die Decke auf den Kopf fällt.
Am Ende sollten wir die Situation als das begreifen, als was sie ist: ein Ausnahmezustand, der unsere Beziehung auf Herz und Nieren testet. Und es ist überhaupt nicht schlimm, wenn sie nicht einem Hollywood Film entspricht, sondern vor allem eins: ganz normal.

April 11, 2020
Taged under - , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

13 Kommentare

  1. Please tell me you’ll be uploading all of these in English as well, my German is absolutely not enough to be following you (yet), and I love your posts! Hope you’re well!

  2. Sehr gut geschrieben liebe Masha! Ich finde es richtig gut, dass du so ein persönliches, privates Thema mit uns teilst. Und vor allem die Realität zeigst. Das Leben ist nicht wie in Hollywood-Filmen und wochenlange Quarantäne mit ein und derselben Person kann super nervtötend sein. Ich wünsche euch beiden, dass ihr es schafft, doch ab und zu etwas romantische Gemeinsamzeit zu haben <3

    Ganz liebe Grüße,
    Krissi von the marquise diamond
    https://www.themarquisediamond.de/

  3. DANKE! Finde dieses romantisierte Instagram/TikTok Vorstellung von „wir machen 24/7 alles zusammen und begehren uns trotzdem die ganze Zeit“ etwas realitätsfremd.
    Schön, dass in den Themen auch das „über was soll man eigentlich reden“ zur Sprache kommt. :D Gerade in einer 50qm Wohnung, bei der beide im Homeoffice arbeiten sollen, ist es nicht einfach. Wir versuchen jetzt tatsächlich, uns unter der Woche tagsüber aus dem Weg zu gehen – dann kann man abends zumindest erzählen, was man gearbeitet hat und geht sich nicht ganz so auf die Nerven bzw. schafft ein bisschen das Gefühl, dass die gemeinsame Zeit etwas besonderes ist und nicht 24/7. Und wenn man sich wirklich mal anzickt: Rausgehen, Kopf frei bekommen, wieder zurückkehren und merken, dass man sich eigentlich doch liebt ;)

    1. Das ist eine gute Idee! Ich versuche auch etwas mehr Alltag reinzubringen, in dem ich mir tagsüber auch immer ein bisschen Freiraum nehme und auch mal ohne ihn rausgehe, Eis essen gehe oder auf der Wiese ein Buch lese :D

  4. Haha das kann ich mir gut vorstellen. Bei meinem Partner und mir ist es überraschenderweise nicht so. Wir kommen sehr gut auf engem Raum zusammen zu Recht. Wir hatten allerdings den Härtefall schon vorher durch. 1 Jahr lang zusammen reisen in dem wir die ganze Zeit über 24/7 zusammen Schöne Dinge erlebten aber uns auch zusammen langweilten und arbeiteten. Ich war selbst überrascht, dass wir danach noch zusammen waren. Aber ich bin froh, dass das größtenteils so gut klappt. Obwohl ich mich ehrlich gesagt auch viel in der Küche austobe während er im Wohnzimmer zockt :-D

    1. Ich finde im Urlaub ist das immer auch eine andere Situation, weil dort natürlich auch viel passiert. Selbst bei stunden-/tagelangen Autofahrten gingen uns die Themen nicht aus, aber hier in der Routine passiert auch sehr wenig – nicht nur bei uns Zuhause, sondern allgemein in der Welt.

  5. Ah danke! Endlich mal jemand, der es anspricht. Ich dachte auch, es würde nur uns so gehen. Irgendwann nach Woche zwei oder drei sind uns eigentlich auch die Themen zum Reden ausgegangen, kann ja nicht mehr fragen, wie sein Arbeitstag war – ich bin ja eh da – oder wie der Abend mit Freunden. Gemeinsam einsam ist irgendwie das Stichwort für manche Abende. Vom Streit und Gezicke, weil jeder angespannt ist, mal abgesehen. Gibt auch schöne Momente klar, aber bisher hat noch keiner davon geredet, wie hart es ist ? Also: danke dafür Masha!
    Liebe Grüße,
    Kathi

  6. Danke und Amen!

    Dachte schon ich sei die Einzige, der die Decke auf den Kopf fällt. Die Einzige, die griesgrämig wird, weil der Partner arbeitet statt mir auch mal im Haushalt zu helfen. Zum Haushalt zwingt mich zwar keiner, aber leider habe ich keine Option für Homeoffice. Stattdessen flüchte ich mich im Duracellmodus in den Haushalt und werde fuchsteufelswild, wenn es nach dem Abendessenkochen wieder unordentlicher aussieht. Dabei würde mich das sonst im regulären Alltag nicht stören. Also danke für die ehrlichen Worte, die nicht einmal die beste Freundin aufbringt, wenn man erzählt, dass man langsam Zuhause durchdreht, weil man sonst 24/7 auf Achse ist und nur zum Schlafen nach Hause kommt.

    Twaja
    Nastja

    1. Ja, ich habe ja auch ein Büro normalerweise, in das ich flüchten kann und selbst wenn ich vom Home Office arbeite: ich räume morgens schnell durch, dann bleibt das so bis zum Abend und er verteilt nicht über den Tag verteilt seine Spuren :D Hier eine Tasse Kaffee, dort ein Pulli oder eine leere Flasche usw ^^

  7. Ich bin dir so dankbar, dein Blogpost tat mir richtig gut!!! Ich habe exakt dasselbe festgestellt und dachte das es nur bei mir und meinem Freund zu ist. Denn scheinbar genießen alle anderen das wochenlange “aufeinandersitzen”, während wir uns anzicken etc. Ich finde es mega klasse von dir das du sowas privates mit uns teilst, das macht dich anders als die anderen Influencer/ Blogger. Du bist ehrlich und sprichst auch unangenehme Dinge an ?? Ich wünsche euch beiden eine gute Zeit!

    Grüße aus dem never-ending-lockdown in Italien ?