Der Leitfaden zum nachhaltigen Shoppen: Textilsiegel im Check

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Das Einkaufen im Supermarkt ist oftmals eine knifflige Angelegenheit: Kaufe ich die Bio-Produkte in Plastik oder das Gemüse ohne Plastik? Kaufe ich lieber in großen Mengen, um Verpackungsmüll zu sparen oder wird das bei mir im Kühlschrank schlecht? Doch sind die Überlegungen in der Lebensmittelabteilung noch relativ überschaubar, wenn ich sie mit den inneren Konflikten vergleiche, die ich beim Kaufen von Kleidung habe. Viele tragen mittlerweile ein Zertifikat auf dem Preisschild, das etwas über die Nachhaltigkeit des Produktes aussagen soll – und dazu führt, dass man als Konsument etwas beruhigter zur Kasse geht.

Doch wissen wir wirklich, was das Siegel überhaupt bedeutet?

Obwohl sie Orientierung bieten, sollte man im Hinterkopf behalten, dass jedes Siegel einen anderen Schwerpunkt hat und nur bestimmte Herstellungsprozesse überprüft. So konzentriert sich das eine auf faire Arbeitsbedingungen, was jedoch nichts über die Nachhaltigkeit der Stoffe selbst aussagt. Währenddessen zeichnen andere Siegel die Baumwolle zwar als Bio aus, jedoch können die Bedingungen unter denen der Pullover genäht wurde, immer noch katastrophal sein.

Ich muss zugeben: Es wird einem nicht leicht gemacht, nachhaltige Kleidung zu kaufen. Trotz alledem sollte man deshalb nicht vor dem Thema zurückschrecken, sondern immer wieder versuchen, einen Zugang dazu zu finden: sich zu fragen, ob man dieses Produkt wirklich braucht und ob ein Bio-T-Shirt dieser Fast Fashion Brand wirklich “ethisch korrekt“ produziert werden konnte. (Hier findet ihr eine Liste von kleinen, nachhaltigen Brands, die sich das Thema zu eigen gemacht haben.) Um euch beim künftigen “Aushandeln“ zu unterstützen, möchte ich hier verschiedene Siegel und Ansätze präsentieren – und was genau sie über die Nachhaltigkeit eines Produktes aussagen können.

Kreislauf-Wirtschaft: Cradle2Cradle

Der Großteil unserer Kleidung besteht aus mehreren Materialien, ist mit Chemikalien versehen und lässt sich deshalb nur schwer weiterverarbeiten oder gar kompostieren. Das Resultat: eine Wegwerf-Gesellschaft, wie wir sie teilweise kennen. Das Cradle2Cradle-Prinzip ist die Idee eines Produktkreislaufs, der mit den derzeit gängigen Abläufen in der Branche brechen will. Das Ziel dahinter ist es, dass Produkte so hergestellt werden, dass schon während der Produktion an ihr “Ende“ mitgedacht wird.
Was passiert, wenn sie nicht mehr gebraucht werden? Die Idee eines geschlossenen Kreislaufs propagiert, dass Produkte entweder komplett recycelt werden oder umfunktioniert werden können, um Müll vollständig zu vermeiden. Das C2C-Prinzip wurde von dem US-amerikanischen Architekten William McDonough und dem deutschen Chemiker Michael Baumgart mit dem Ziel entwickelt, komplett kompostierbare Abläufe zu etablieren. Produkte aus solch einem alternativen Kreislauf werden auch mit dem ‚C2C‘-Siegel ausgezeichnet: Textilien also, die nicht mit Giften versetzt sind und somit umweltsicher, gesundheitlich unproblematisch sind – und aus kompostierbaren Materialien bestehen bei dessen Produktion möglichst erneuerbare Energie verwendet wurde. Das Siegel wird von der gemeinnützigen Organisation Cradle Products Innovation Institute in fünf Stufen vergeben: Basic, Bronze, Silber, Gold, Platin.

Die Kritik: Hinter dem Konzept steht auch die Annahme, dass Überproduktion an sich nichts schädliches ist, solange man Materialien verwendet, die verwertet werden können. Das bedeutet auch: Verschwendung ist eigentlich ganz okay, es kommt nur auf die Inhaltsstoffe an. Eine Annahme, die von vielen Kritikern als irreführend bezeichnet wird. Bemängelt wird auch die Umsetzbarkeit des Prinzips – denn damit die Idee wirklichen Anklang findet, bräuchten wir ein System, das sich nicht an unbegrenztem Wirtschaftswachstum orientiert. Außerdem werden einzelne Produkte mit dem Siegel versehen – was aber noch lange nicht bedeutet, dass das gesamte Unternehmen nach dem C2C-Prinzip agiert.

Wer trägt es? Das Siegel ist vor allem außerhalb von Deutschland prominent – trotzdem erfüllen der grüne Online-Shop ‚Avocadostore‘, bestimmte Produkte bei Manufactum und Wolford, als auch die deutsche Marke Trigema die Anforderungen des Zertifikats.

Mindestens 70% Bio-Naturfasern: GOTS

Manchen von euch mag das runde Siegel mit dem grünen Hintergrund und dem weißen Hemd darauf bekannt vorkommen. Dabei handelt es sich um die GOTS-Zertifizierung, die für ‚Global Organic Textile Standard‘ steht. Dieses wurde von der International Working Group in Organic Textile Standards gegründet – einem Zusammenschluss von verschiedenen Unternehmen und Organisationen aus der Leder- und Textilwirtschaft, die sich für das gleiche Ziel einsetzen: eine verantwortungsvolle und umweltschonende Textilproduktion. Seit 2002 zeichnet das Siegel bestimmte Produkte und Marken aus, welche bestimmte sozialen und ökologische Standards erfüllen – Anforderungen also, die erst 2014 erhöht worden sind. Das Siegel konzentriert sich hauptsächlich auf den Einsatz von Chemikalien während des Herstellungsprozesses.

Damit ein Produkt das GOTS-Siegel bekommt, muss mindestens 70% der Kleidung aus Bio-Naturfasern bestehen. Textilien die aus 95% aus Naturfasern bestehen, bekommen das Siegel mit der zusätzlichen Bezeichnung “organic.“! Das selbsternannte Ziel ist es „Initiativen im Textilbereich, die sich mit nachhaltigem Denken und sozialer Verantwortung befassen“ zu unterstützen. Daher müssen die Träger des Siegels nicht nur Kriterien zum Umweltschutz und zur Gesundheitsverträglichkeit erfüllen, sondern auch sozialen Bedingungen gerecht werden, um die ArbeiterInnen zu schützen.

Die Kritik: Da sich das GOTS-Siegel auf soziale als auch ökologische Aspekte bezieht und die damit zusammenhängenden Kriterien auf allen Stufen des Herstellungsprozesses erfüllt werden müssen – von der Gewinnung der Fasern über die Herstellung bis hin zu den Lieferketten – ist die Kritik an dem Traditions-Siegel nicht besonders laut. Auch jährliche, meist unangekündigten Kontrollen werden durchgeführt, um den Standard zu halten. Allerdings gehen manchen Kritikern die Sozialstandards des Siegels nicht weit genug.

Wer trägt es? Die nachhaltige Brand Armedangels aus Köln, das Label Phyne, das nachhaltige Basics produziert als auch Recolution aus Hamburg sind mit dem Siegel ausgezeichnet.

Strenge Auflagen: IVN Best Siegel

Noch strengere Anforderungen als bei dem GOTS-Zertifikat werden vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) mit dem IVN Best Siegel gestellt. Dieser wurde 1999 gegründet und vereint seither verschiedene Akteure aus der Naturtextilwirtschaft. Das ‚Best Siegel‘ gilt somit als das strengste in der Branche. Die zertifizierten Produkte müssen hohe Standards auf allen Stufen der Produktion erfüllen, in keinem dieser Schritte dürfen gängige Chemikalien verwendet werden.

Die Kleidung muss zu 95% Naturfasern aus biologischem Anbau stammen und die Verwendung von jeglichen Synthetikfasern ist ganzheitlich untersagt, da dessen Produktion nicht-erneuerbare Rohstoffe benötigt und viel Energie verbraucht. Einmal im Jahr finden auch hier Kontrollen von unabhängigen Stellen statt – bei Verstoßen werden Sanktionen verhängt. Obwohl alle Produktionsschritte überprüft werden sind die Kontrollen beim Endprodukt besonders streng. Das ein Jahr und verspricht die Einhaltung von ökologischer Qualität als auch die „Förderung von ökofreundlichen Textilerzeugnissen“.

Die Kritik: Da es sich bei dem IVN Best Siegel um sehr anspruchsvolles Zertifikat handelt und auch nur sehr wenige Marken und Produkte ausgezeichnet werden, wird es kaum in der Öffentlichkeit kritisiert.

Wer trägt es? Aufgrund der hohen und strengen Anforderungen an Unternehmen, sind eher Naturtextil-Spezialisten mit dem Siegel ausgezeichnet, wie Maas Naturwaren oder Engel Sports die zu den ingesamt nur etwa 40 Marken gehören, die zertifiziert sind.

Staatliches Textilsiegel:
Der Grüne Knopf

Erst im Sommer 2019 wurde das Siegel von der Bundesregierung aufgebaut und ist somit die erste eigene Zertifizierung des Bundesministeriums. Das Ziel ist es, wie es beinahe bei allen Siegeln der Fall ist, Aufmerksamkeit für die Problematik bei der Herstellung von Textilprodukten zu schaffen und den Verbrauchern einen „nachhaltigen“ Einkauf zu erleichtern. Demnach zeichnet Der Grüne Knopf Umweltschutz und Arbeitsbedingungen aus, indem die Träger des Siegels 26 soziale und ökologische Standards erfüllen müssen. Momentan ist es so, dass lediglich die letzten Schritte der Herstellung, also das Färben der Stoffe und das Nähen der Kleidung, überprüft werden. Dies soll sich jedoch bis 2021 ändern – dann will das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der Inhaber des Siegels, die Überprüfung auf den gesamten Herstellungsprozess ausweiten.

Jeans: ARMEDANGELS

Die Kritik: Obwohl das staatliche Siegel Aufmerksamkeit für das unheimlich wichtige Thema der Nachhaltigkeit im Textilsektor geschaffen hat, wird die Initiative von mehreren Seiten angegriffen. Eine der Kritikpunkte ist, dass ausschließlich die letzte Stufe der Herstellung überprüft werde – auch wenn die Bestrebung da ist, die Kontrolle zu erweitern. Zudem wird Kleidung, die in Europa produziert wird, gar nicht kontrolliert. Jan Thelen, Gründer des nachhaltigen Labels Recolution, kritisiert außerdem im Interview mit dem Spiegel, dass das Thema der umweltfreundlichen Fasern nicht vom Grünen Knopf beachtet wurde. Er fasst zusammen: “Das heißt, ein normales Baumwoll-T-Shirt, das hoch und runter mit Pestiziden begossen und unter unschönen Bedingungen in Rumänien produziert wurde, würde den Grünen Knopf bekommen.“

Wer trägt es? Der Grüne Knopf startete mit 27 zertifizierten Unternehmen, darunter die Otto-Group. Hugo Boss ist noch im Prüfungsprozess, sowie etliche weitere. Jan Thelen kritisierte auch den Aspekt, dass die großen Unternehmen sich nun um dieses staatliche Siegel reißen würde, obwohl die geforderten Standards noch lange nicht ausgereift seien: “Hier spielt auch Greenwashing eine Rolle, dafür hat das Siegel hohes Potenzial.“

April 9, 2020

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2 Kommentare

  1. Ich werde jetzt auch nur mehr so gut es geht nachhaltig leben. Man hat ja gesehen wie schnell sich die Natur ins Negative dreht, weil Menschen so egoistisch sind.
    Liebe Grüße
    Tina von Wimpernverlängerung Salzburg