Mir geht es nicht gut. Und das ist okay.

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„Wie geht es dir?“

Von allen Fragen auf der Welt, hasse ich diese besonders.
Es ist ja eigentlich keine richtige Frage, denn die Antwort ist vorgegeben und sie lautet in den allermeisten Fällen: gut.

So gesehen ist es also keine Frage, es ist ein Script. Eine Anleitung, wie man eine oberflächliche Unterhaltung startet.



„Wie geht es dir?“
„Gut und dir?“
„Ja, auch.“
Ein kurzes, gezwungenes Lächeln untermauert die Lüge.

Sind wir mal ehrlich, wem von uns geht es gerade eigentlich wirklich gut?

outfit: Nobi Talai

Viele fühlen sich belastet durch die Familie, Gesundheit und Job. Manche bangen um ihrer Existenz, andere um ihre Liebsten. Angst, Sorge und Ungewissheit greift um sich. Diese Belastung führt zu einer emotionalen Unausgeglichenheit und nicht selten lassen wir die schlechte Stimmung an denen aus, die wir gern haben.

Niemandem geht es gerade gut und wenn man bereit ist auf das „Wie geht es dir?“ selbst ehrlich zu antworten, wird man nicht selten ebenfalls mit der Wahrheit belohnt.

„Ich habe Streit mit der Familie.“
„Ich weiss nicht, wie ich die nächsten Monate finanziell stemmen soll.“
„Ich fühle mich einsam.“
„Meiner Mutter geht es nicht so gut.“
„Homeoffice mit Kind überfordert mich zur Zeit.“

Die neue Situation stellt uns alle vor neue Herausforderungen und offenbart uns unsere Schwächen. Was mich angeht: mir fehlt die Ablenkung von meinen Gedanken. Ich vermisse das Tempo meines Lebens, das mir nur wenig Möglichkeit gab, zu reflektieren und Bilanz zu ziehen. An manchen Tagen überkommt mich so eine Schwermut, dass ich am liebsten vor mir selbst flüchten würde. Jetzt, wo mein Leben entschleunigt wurde, hinterfrage ich mein Lebenskonzept und finde keine Antworten.

Bin ich glücklich?
Was fehlt mir?
Wer bin ich w i r k l i c h?


Ich lerne gerade mich in Geduld zu üben. Und auch im Loslassen.
Loslassen alter Gewohnheiten und auch – und das ist besonders schmerzhaft – dem Bild, das ich von mir selbst hatte. Der Mensch, von dem ich immer dachte, dass ich das bin ist ein Kartenhaus, das in sich zusammenfällt. Die Krise offenbart nackte Tatsachen und so betrachte ich auch mich im Spiegel und sehe Unsicherheiten, falsche Überzeugungen und ambitionierte Erwartungen. So fühlte ich mich unabhängiger, als ich tatsächlich war. Ich bin nicht unabhängig, tatsächlich bin ich sogar extrem abhängig – abhängig nach zwischenmenschlichen Begegnungen, nach Aufmerksamkeit und wertvollen Gesprächen.

Ich will mit Menschen reden. Ich will sie fragen, wie es ihnen geht und ich will die ehrliche Antwort.
Mai 16, 2020
Category - Gedanken

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5 Kommentare

  1. Liebe Masha,

    du hast so Recht, man erwartet sich keine tiefere Antwort, wenn gefragt wird: „Wie geht es dir?“. Jeden beschäftigt etwas anderes, beinahe alle müssen mit einer neuen Situation umgehen lernen oder sie einfach schaffen zu meistern. Es ok, sich im Moment nicht gut zu fühlen. Danke für den Beitrag und alles Liebe.
    Last but not least – die Fotos sind wunderschön, Steffi

  2. Liebe Masha,

    ich hoffe dir geht es gut. Dein Beitrag macht mich wirklich nachdenklich. Ich bin ehr und werde es immer bleiben. Wie es mir geht? Mal so und mal so. Einmal weil ich diese Leichtigkeit vor Corona mich beglückte. Nun ist sie weg. Dann die Angst, dass die Forscher kein Impfstoff herstellen könnten weil sie nicht hinter das Geheimnis von CoVid-19 kommen. Wenn sie bisher immer noch zu wenig herausfinden konnten, dann wird das wohl eine sehr lange Zeit ins Land gehen bis es endlich ein Drurchbruch gibt. Hoffe ich zumindest.
    Dann manche Tage schaue ich aus dem Fenster und dachte: Was für eine schöne Natur. Es schaut alles aus als wäre es normal. Dabei ist das Virus da. Genau diese unfassbaren Momenten bringen uns aus dem Gleichgewicht.
    Wir waren bisher gewohnt alles tun zu können ohne lange darüber nachzudenken. Nun ist die Welt eine andere geworden.
    Viele Menschen verstehen diese Ausnahmesituation nicht, weil sie nicht gelernt haben sich damit auseinanderzusetzen, weil die moderne Gesellschaft nicht in der Lage ist sich anzupassen (den gegebenheiten), weil sie uneinsichtig sind und nur schnell, schnell, schnell in die Normalität wollen. Leider geht nichts „schnell“ und schon gar nicht Normalität. Wir werden mit Covid-19 leben müssen. Das Virus hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und bei uns heimisch geworden. Mutiert weiter und wird mit der Grippe zusammen und heimsuchen. Solange es kein „guten, sicheren“ Impfstoff gibt.
    Und schon folgt die nächste Angst und die Frage: Wie sicher wird das Impfstoff sein? Welche Nebenwirkungen wird es haben? Schließlich braucht ein Impfstoff 10-12 Jahre in seiner Entwicklung.
    Und ja, ich mache mir immer Gedanken und ich kenne mich einigermaßen gut aus. Bisher ist alles eingetroffen was ich gesagt und gedacht hatte. Schon im Dezember 2019 wusste ich wir bekommen etwas ab, was wir nicht wollen. Das Virus sieht man nicht, man schmeckt es nicht und man riecht es nicht. Genau das macht uns Angst vor diesen unsichtbaren Tod. Zumindest für viele Menschen.
    Liebe Tasha, ich möchte dir kein Rat geben wie du dich besser fühlen könntest. Aber versuche so wenig wie möglich Corona und Ausnahmezustand weit aus deinen Gedanken zu streichen. So gut es geht. Ich genieße meine Tage indem ich mir schöne Rituale etabliert habe. Es geht etwas leichter und Gedanken wie Corona haben kein Platz. Weil ich das so will. Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch und habe einen starken Willen. Daher fällt mir das eine oder andere aus meinem Leben zu verbannen. Bitte bleib gesund und genieße diese Zeit für dich. Alles andere kommt zur rechten Zeit wieder zurück zu dir. ;-)

    Liebe Grüße

    Laura T.

    1. Vielen lieben Dank liebe Laura für deine Worte. Ich schätze diesen ehrlichen Austausch so sehr und ich finde es schön zu sehen, wie man Ehrlichkeit und gute Ratschläge bekommt, wenn man sich selbst auch offen und ehrlich zeigt. Wir leben in einer neuen Welt und das bringt nunmal Herausforderungen, aber es gibt auch schöne Seiten :)

  3. Hallo Masha,

    ich kann dein Gefühl nachvollziehen. Wie du geschrieben hast: Die neue Situation stellt uns alle vor neue Herausforderungen und offenbart uns unsere Schwächen. In der Tat. Es ist eine schwere Zeit und die kann man wirklich nicht immer meistern. Die moderne Gesellschaft hält sehr wenig aus da sie verwöhnt ist, dass alles immer so lief wie es gelaufen war bisher. Doch wir werde immer mit einer Ausnahmesituation leben. Die globalisierung bringt es einfach mit sich. Hoffen wir doch es kommt nie zu einer Katastrophe.
    Glaube mir, es geht auch nicht an mir Spurlos vorbei. Doch ich habe ein Weg gefunden um mein Leben so gut es geht ohne Corona-Krise miteinzubeziehen. Ich habe viel nachgedacht und mein Leben wird danach anders sein Anders schön. Nachhaltiger.
    Ich habe tatsächlich angefangen mich auf das Wesentliche zu fokussieren. Auch vermisse meine liebsten sehr und habe auch Angst, dass dieser verdammte Virus nicht verschwinden könnte. Was ich mir sehr wünschen würde, ist eine konsequentere Politik. Alle sollten sich zusammentun und endlich die herausgabe der verheimlichen Daten aus Wuhan fordern. Damit endlich ein Impfstoff entwickelt werden kann. Denn Dank Chinas Unfähigkeit ist erst diese Pandemie möglich geworden.
    Wünsche dir viel Karaft zum Durchhalten und bleib gesund.

    Liebe Grüße

    Laura T.