Nachhaltigkeit meets High End: Wie High Fashion den Rufen nach mehr Nachhaltigkeit folgt

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Nachhaltigkeit ist ein Thema, das in die Mode gekommen ist, um zu bleiben. Und das auch aus gutem Grund. Jahrelang schadete die Branche der Umwelt durch Verschwendung von Ressourcen, Überproduktion, durch lange Lieferwege und den Aufruf zu übermäßigem Konsum, der durch die wiederkehrende Saisons und Modewochen in der Branche institutionalisiert ist. Da Mode von Veränderung und Erneuerung nicht nur geprägt ist, sondern von diesen Eigenschaften lebt, ist es umso schwerer die Maßstäbe der Nachhaltigkeit mit ihrem Charakter zu vereinen.

Die Mode-Designerin Vivienne Westwood brachte diese beinah unlösbare Herausforderung auf den Punkt, als sie in einem Interview mit BBC London Radio dazu aufrief, keine Kleidung mehr zu kaufen, außer es sei unbedingt notwendig. Ja, richtig, das sagte eine Designerin, die von dem Design von Kleidung lebt, die von Menschen getragen werden soll und brach damit, ganz ihrem Naturell entsprechend, ein weiteres Tabu in der Mode.

Aber wie sind Nachhaltigkeit und Mode zu vereinen?

Zunächst ist für diese Frage wohl eine Einordnung notwendig, denn die englische Modedesignerin ist im Bereich der High-End Mode tätig. Auch wenn diese ebenso von den wiederkommenden Zyklen der Mode profitiert, ist sie im Gegenzug zur Fast Fashion nicht von einem nicht enden wollenden Zugang von neuer Kleidung in die Läden geprägt, ebenso wenig wie von Massenproduktionen, wie sie in den gängigen Ketten üblich sind. Natürlich produzieren auch Luxus-Labels große Stückzahlen, laden Journalist*innen, Blogger*innen und Einkäufer*innen zu Modenschauen ein, die viele Flugmeilen mit sich bringen, und produzieren oftmals nicht unter transparenten und ökologischen Bedingungen, wie von ihnen erwartet wird. Jedoch hat die High End Branche trotz alledem den großen Vorteil gegenüber der Fast Fashion, dass sie ihre Artikel zu höheren Preisen anbieten, somit oftmals hochwertigere Textilien nutzen und es sich leisten kann, auf biologischen Stoffe zu setzen. Trotz dieses Vorteils scheint der Weg des Luxus-Segments zu einer Erfüllung wirklich nachhaltiger Standards noch weit zu sein. 

Schließlich haben wir spätestens seit „The True Cost“ auf Netflix erschien, gelernt, welche Schäden diese Branche auslösen kann, die als die zweit schmutzigste Industrie der Welt gilt. Viele, die sich diese Dokumentation angeschaut haben und die sich auch weiterhin mit dem Thema Mode und Umwelt auseinandersetzen, hinterfragen die Relevanz dieser Branche und wie diese, angesichts der Fakten, noch gerechtfertigt werden kann. Auch ich stehe manchmal angesichts der Nachrichten zu diesem Thema vor dieser Frage. Mode scheint so banal zu sein, doch dann erinnere ich mich wieder an ein weiteres Zitat von Westwood, das mich früher geprägt hat und der Grund war, warum ich mich überhaupt einst für Mode interessierte:

Fashion is very important. It is life-enhancing and, like everything that gives pleasure, it is worth doing well.“

Mode ist für viele ein Weg sich auszudrücken, weil man es sonst nicht anders kann; aus dem Ort, aus dem man stammt „herauszukommen“, sich abzugrenzen oder einzufügen. Mode kann zum Träumen anregen und Träume können bekanntlich Berge versetzen. Und es ist ein Ort, an dem, trotz all der Kritik, andere Werte gelten als dem Rest der Gesellschaft. Und deshalb – wie Westwood sagt, ist es umso wichtiger, Mode „richtigzumachen.“ Die Punk-Designerin tut das immer wieder auf ihrem ganz eigenen Weg, als Aktivistin. Immer wieder verwandelt sie den Laufsteg in eine Bühne, auf der die Models Schilder in die Höhe halten oder T-Shirts mit Aufdrucken wie: „Fracking is a Crime“ und „Climate Revolution.“

Doch man kann es auf den verschiedensten Wegen „richtig machen“, wie Westwood es fordert. Das bedeutet auch: Respektvoll mit dem umgehen, was die Umwelt uns bereitstellt. Einer der ersten, prominenten Designer*innen aus dem High End Bereich, die diesen Wert erkannt hat und ihn so konsequent wie wenig andere, umsetzt, ist Stella McCartney. Als die Branche sich noch mit Entwürfen aus Pelz und dem Einsatz von Leder rühmte, verzichtete die Designerin bereits auf die Verwendung tierischer Materialien. Ihre Kollektionen sind alle vegan und entsprechen auch sonst nachhaltigen Standards, die sie teils selbst gesetzt hat. Ihr Engagement ruhte seit diesen Fortschritten nicht, sondern entwickelt sich von Jahr zu Jahr weiter: Ihre Spring/Summer Kollektion 2020 bestand zu 75 % aus recycelbaren Öko-Materialien. Gleichzeitig fördert die Brand auch die Innovation im Bereich der nachhaltigen Mode. So sponserte sie gemeinsam mit der Tierschutzorganisation PETA einen Wettbewerb, in dem es darum ging tierfreie Wolle zu entwickeln. Die Teilnehmenden präsentierten ihre Ergebnisse schließlich im Museum of Modern Art in New York. 

Mit der Zeit und der fortschreitenden Klima-Krise ist „Nachhaltigkeit“ zu einem immer größeren, immer schwerwiegenderen Thema in der Mode geworden. Die Unternehmens- und Strategieberatung McKinsey & Company führte inmitten der Entwicklung der globalen Pandemie eine Studie durch und befragte im April 2020 2000 Teilnehmer aus UK und Deutschland zu ihrem Kaufverhalten. Trotz oder gerade wegen der Umstände empfanden eine Mehrheit der Teilnehmer es als wichtig, auf ihr Kaufverhalten und dessen Auswirkungen auf die Umwelt zu achten. Die Studie ergab, dass 67 % der befragten Konsumenten auf die Verwendung nachhaltiger Materialien achte. 63 % gaben an, dass es ihnen wichtig sei, wie die Marke generell mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehe. 

Von derartigen Umfragen gibt es zahlreiche und sie alle zeigen einen Trend auf, der viel mehr ist als das – und in dessen Zuge sich die großen Luxus-Unternehmen, wie die Prada Group sich neu positionieren mussten. In einem Statement von Miuccia Prada kündigte diese an, ab der Frühlingskollektion 2020 kein Pelz mehr für die Entwürfe des italienischen Labels zu nutzen. Auch der High-End-Onlineshop Farfetch kündigte an, ab Dezember 2019 kein Pelz mehr zu verkaufen. Dem folgten Brands wie Burberry und Victoria Beckham. Erst im Juni launchte Gucci die erste eigene Nachhaltigkeitslinie des Labels Off the Grid.
Mittlerweile gibt es kaum Marken im Luxus-Segment, die sich dem öffentlichen Druck noch entziehen können. Doch welcher dieser Brands geht noch weiter? An dieser Stelle könnte ich euch über die einzelnen Engagements der großen Marken berichten, die teils zwar vorangehen, jedoch schleppend. Doch im Zuge dieser Bewegung haben sich auch neue Labels gegründet, die keine neuen, nachhaltigen Standards adaptieren, sondern sich diesen bereits in ihrer Marken-DNA verschrieben haben. Dazu gehören eine Reihe dänischer Marken, wie Stine Goya. 2006 schloss dessen Designerin das Central Saint Martins College ab und gründete ihre gleichnamige Brand. Seitdem trug sie dazu bei, dass die Fashion Week in Kopenhagen einer meiner liebsten Mode-Termine des Jahres geworden ist. Eine Woche, die von Innovation und Kreativität geprägt ist, all das gepaart mit einer Leichtigkeit, die nur hier der Mode anzuhaften scheint. Auch wenn Stine Goya selbst sagt, dass ihre Brand noch nicht als durch und durch nachhaltig bezeichnet werden kann, tut sie alles, um bald an genau diesem Punkt angekommen zu sein. Dieser Weg spitzte sich zu, als sie für Herbst/Winter 2019 eine Sustainable Capsule Collection lancierte. Diese wurde aus nachhaltigen, somit recycelten und recycelbaren Stoffen produziert. Im selben Jahr veröffentlichte die Marke auch eine „sustainable policy“, welche transparent die Ziele im Bereich der Nachhaltigkeit aufzeichnet und wie die dänische Brand diese erreichen will.

Ein weiteres Label, dessen Shows man auf der Kopenhagener Modewoche nicht missen sollte, ist Ganni. Verspielte Statement-Pieces, Leo-Prints, die Manifestation des neuen Scandi-Styles, der schon lange nicht mehr dem einfarbigen Minimalismus entspricht. Eine Marke, die es geschafft hat, das Modevolk zu überraschen, die zeigt, dass Mode wirklich Spaß machen kann – und die es gleichzeitig schafft, Nachhaltigkeit in all das einzuweben und zu einem Maßstab der Markengeschichte zu machen. Auch sie nutzen zu 45 % recyceltes Material, Bikinis und Badeanzüge bestehen zu 100 % aus recyceltem Material, Lieferketten, Herkunft von Materialien und Orte der Verarbeitung werden transparent aufgezeichnet. Ein besonderer Weg, der sogar mit der Forderung Westwoods übereinstimmt, keine Kleidung mehr zu kaufen, hat bereits in Dänemark begonnen. „Ganni Repeat“ ist ein Rental-Service, über den Kleidung der Marke für ein bis drei Wochen gemietet und schließlich wieder abgegeben werden kann. 

Ein weiteres, schönes Beispiel aus Kopenhagen ist Designers Remix. Als Designers Remix 2002 gegründet wurde, war es bereits ein Upcycling Label, das sich dem Aufwerten von Vintage Pieces und aussortierter Kleidung verschrieben hat, daher auch der Name. Auch heute bezieht das Label seinen Stoff aus recyceltem Material und verzichtet dabei auf Leder oder gar Pelz. Außerdem produzieren sie klimafreundlich und zu fairen Bedingungen, die man nachverfolgen kann. Dabei steckt in jedem Teil viel Liebe und die Kollektionen sind durch und durch zeitlos. Dass vor allem Skandi-Brands im Bereich der Nachhaltigkeit Vorreiter sind, wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass die der Fashion Council in Kopenhagen einen Aktionsplan beschlossen hat, um Mode nachhaltiger zu gestalten und so müssen Brands, die in Zukunft auf der Fashion Week in Kopenhagen zeigen wollen, nachhaltige Standards erfüllen, um zugelassen zu werden. Mal wieder sind die Dänen also Vorreiter. Die Wege, Nachhaltigkeit in den High-End-Bereich zu integrieren, diesem Wert den prominentesten aller Plätze einzuräumen, sind verschieden. Wichtig ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, es nicht an zweite Stelle zu setzen, weiterhin zu fordern – und einer weiteren Forderung der englischen Designerin zu folgen, um dem Klimawandel zumindest im Bereich der Mode als Konsumenten entgegenzuwirken: 

„Buy less, choose well, make it last. Quality rather than quantity: That is true sustainability. If people only bought beautiful things rather than rubbish, we wouldn’t have climate change!“

Vivienne Westwood

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