Unter Vorbehalt.

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2011.

Es ist zwei Uhr Nachts und ich kann nicht schlafen. Gedanken halten mich wach, schießen wie Stromschläge durch meinen Kopf. Von meinem Bett aus schaue ich auf den Mond und helfe meinen Gedanken bei ihrer Flucht. Die Sätze sind schnell runtergetippt und ich fühle mich befreit, als ich auf „veröffentlichen“ klicke. Kryptische Wortgebilde, die viel Platz für Interpretation lassen. Was wollte ich damit sagen?
Ich weiss es selbst nicht so genau.

Wer wusste das überhaupt? Wir wussten nicht was wir tun.
Und vielleicht war das gut so.

2019.

„Kann ich das so posten?“
Eine zweite Meinung kann nicht schaden, denke ich mir.
„Ich finde diese Absätze irgendwie ungenau, aber bist du dir wirklich sicher, dass du das so formulieren willst?“
„Warum?“
„Ja, dann ruft deine Mutter wieder an, macht sich Sorgen und will wissen, was los ist. Danach deine Oma und dann bist du wieder genervt.“
„Ja, das stimmt, aber ich glaube das Thema ist wichtig.“


Ich glaube so ließ sich meine Kommunikation in letzter Zeit zusammenfassen: immer unter Vorbehalt.
Kein Wunder, denn wie will man auch offen schreiben, was man denkt und fühlt, wenn jeder, den man kennt, mitliest?
Wie soll man Position beziehen, wenn Familie, Freunde und Kollegen ungefragt und bei jeder Kleinigkeit ihren Senf dazugeben? Und warum bin ich bereit intime Gedanken und persönliche Einblicke mit einer breiten Community zu teilen, die ich größtenteils nicht persönlich kenne, aber Widerwillen verspüre dieselben Dinge im kleinen Kreis zu besprechen.
Aus Rücksicht.

Tja, wie schön das war, als man noch unbefangen posten konnte und nicht gleich Rechenschaft für jeden Post ablegen musste. Früher wog ich mich im Schutz der vermeintlichen Anonymität, publizierte Texte, die zwar für die Öffentlichkeit, aber ganz sicher nicht für meine Eltern gedacht waren und bekam viel Zuspruch.

Wann habe ich mich das letzte Mal wirklich ausgetobt?

Doch nicht nur auf Familie, auch auf Kunden muss man Rücksicht nehmen, denn je exklusiver der Kunde, desto strenger die Brand Policy. Als Influencer mit kontroverser Meinung fliegst du schnell mal raus. Glatt und unangreifbar ist nun mal die sichere Nummer – und mal ernsthaft, nicht jeder teilt meine Meinung oder will Charaktere. Viele wollen einfach nur Gesichter.

Doch was sind Gesichter ohne Charakter? Austauschbar.

Wir sollen gefälligst nicht so laut sein. Wir haben keine Ahnung. Wir sollen nicht aus unserer Rolle fallen.
Wir sollen gefallen. Und egal, was wir verlangen, es ist unangemessen.

Und ich glaube, das soll mein Learning für die Zukunft nach Corona sein: ich will nicht austauschbar sein. Ich will wieder mehr Charakter und weniger Gesicht sein. Ich will Position beziehen und Mehrwert schaffen. Ich will für Diskussion sorgen und wenn es sein muss, auch in der eigenen Familie.

Ich will mich wieder öffnen.

Mai 30, 2020
Category - sonntagspost

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9 Kommentare

  1. Freut mich das zu lesen =)
    Dann lohnt es sich ja wieder regelmäßig hier vorbei zu schauen.

    Mir hat die alte Masha gefehlt. Die mit Ecken und Kanten. Die, die gegen den Strom schwimmt.

    Welcome Back <3

  2. Das finde ich sehr gut. Es gibt zu viele charakterlose Gesichter und noch mehr Einheitsbrei. Das ist anstrengend und nervt und ehrlicherweise nicht das, was ich sehen und hören möchte. Wobei ich da nur für mich sprechen kann,
    Ich finde es super, dass du wieder mehr zu Diskussionen anregen möchtest und wieder öfter deine Meinung sagst und sie mit uns teilst.
    Ich freue mich also auf alles was jetzt kommt.
    Liebste Grüße

  3. Ich glaube mit diesem Text hast du auf dem Punkt gebracht warum ich meinen Konsum von Social Media in den letzten Jahren soweit runtergefahren habe, dass ich mittlerweile auf keiner Plattform mehr angemeldet bin. Früher las 10 Blogs, folgte 20 Influencer..schaute 30 Youtuber. Mittlerweile kann man auch eine kommerzielle Person anschauen und hat damit alle Infos der anderen x Accounts. Und ich finde kommerziel noch nicht mal schlecht. Ich bin nur noch auf Linas Blog und deinem Unterwegs. Lina aufgrund ihrere Art sich nicht verformen zu lassen, auch wenn immer wieder durchscheint, dass sie sich dadurch besonders unter Kolleginnen und Firmen keine Freunde macht. Und deinen,…ich glaube auch, du bist derzeit auf dem richtigen Weg wieder „freier“ und „selbstbestimmter“ zu arbeiten, was toll ist. Ich freue mich auf mehr Masha :)

  4. Liebe Masha,

    vielen Dank für diese offenen Gedanken, die du mit uns teilst.
    Ich frage mich: Inwiefern musst du oder jede*r andere Autor*in Rücksicht nehmen, wenn, wie du selbst schreibst, Personen „ungefragt und bei jeder Kleinigkeit ihren Senf dazugeben“? Ich verstehe, wenn nahestehende Personen sich Sorgen machen, aber solange man die eigenen Grenzen offen kommuniziert, empfinde ich es eher als Problem der anderen Seite, sich ungefragt einzumischen, bevor du selbst das Thema ansprichst, das DICH betrifft. Ja, auch, wenn du es im Internet veröffentlichst.
    Vor allem von nahestehenden Personen würde ich erwarten, dass sie nicht einfach ungefragt ihren Senf dazu geben, sondern fragen: „Ich habe deinen Post XY gelesen und habe mir dazu Gedanken gemacht. Hast du Lust und einen freien Kopf, darüber beim nächsten Telefonat, Spaziergang, whatever zu telefonieren?“ und dass ein Nein dann akzeptiert und nicht bewertet wird. Vielleicht habe ich dich da auch falsch verstanden, aber ich sehe die Verantwortung da auf beiden Seiten und nicht nur auf deiner, die schreibt. Und solange du nicht über eine Person herziehst oder private Details teilst, ohne zu fragen, sehe ich nicht, inwiefern du da großartig Rücksicht nehmen solltest. Deine Freunde und Familie werden deine Gedanken und Gefühle hoffentlich so akzeptieren, wie sie sind, weil sie zu dir gehören und weil du ein wichtiger Teil ihres Lebens bist. Ich finde es schade, dass du (zumindest macht es so im Text den Eindruck), dich selbst limitierst.

    Zum Punkt „…desto strenger die Brand Policy“: Ich kann das nachempfinden, für mich persönlich ist diese Entwicklung aber in der ganzen Szene sehr schade. Es gibt für mich mittlerweile zwei Arten von Influencern: Die, die ihren eigenen Content machen und die, bei denen man merkt, dass Werbepartner im Nacken sitzen. Und sobald man irgendwie von Kunden abhängig ist, weil man eben keinen Brotjob hat (das muss ja kein fancy Job in den Medien sein), muss man wahrscheinlich immer abwägen, was einem wichtiger ist: die Meinung eines (potenziellen) Kunden und damit das Bild, was man nach Außen darstellt oder vollkommen ehrlich und authentisch schreiben und posten zu können. Im besten Fall geht beides.
    Ich finde man kann die Entscheidung in eine Richtung gar nicht als besser oder schlechter bewerten, da ist die Frage eher: Wer will ich sein und wie viel will ich zeigen?

    Der Text ist jetzt länger geworden, als gewollt. Ich bin seit mindestens 2012 Leserin dieses Blogs und habe dich immer dafür gefeiert, dass du so transparent warst und eine starke Frau mit Charakter, die sich über die Zeit entwickelt hat.
    Ich wünsche mir eine Welt, in der jede Person offen schreiben und kommunizieren kann, was sie denkt und fühlt und mit Firmen kooperieren kann, die hinter einem stehen, weil sie wollen, dass ein Mensch ihre Marke vertritt und nicht nur ein schönes Äußeres, das nicht aneckt und eine möglichst hohe Reichweite hat.

    Hast du schon einmal darüber nachgedacht, ein Buch zu schreiben – über dich, über die Insights des Influencertums, über alles, was dich beschäftigt? Das wäre zumindest ein geschützter Raum und auch für uns Follower*innen eine Möglichkeit, dich (monetär) zu unterstützen.

    Ich bin gespannt, wie es in Zukunft hier und bei dir weitergeht!

    Alles Liebe,
    Denise

    1. Hallo liebe Denise,

      danke dir für den langen Text.
      Das Problem ist ja, dass ich mich nicht hinter eine Anonymität verstecken kann. Wenn ich Details aus meinem Leben teile, seien es private Gespräche mit Familie oder Partner, wissen halt alle Bescheid, wer gemeint ist. Wenn ich offen über Beziehungsprobleme spreche, brauche ich auch das Go von meinem Partner, der dann natürlich wiederum von seinen Freunden und Eltern darauf angesprochen wird. Als Autorin bleibe ich teilweise anonym, aber in meiner Rolle? Schwierig. Und wo ziehe ich die Grenze? Wann ist privat ZU privat? Ich struggle manchmal damit, denn was für mich kein Problem darstellt, ist Anderen eher unangenehm und das akzeptiere ich auch.

      Das mit der Brand Policy ist wirklich Fluch und Segen zugleich. Einerseits begrüße ich es, dass Brands genau auswählen, andererseits wird es dadurch so glatt. Kein Mensch will noch diese glatten Gesichter sehen.

      Das mit dem Buch habe ich bereits versucht umzusetzen. Einerseits fehlt ein bisschen die Zeit, andererseits die Inspiration, aber du hast mir gerade noch einen Extraschub Motivation gegeben, daran weiterzuarbeiten. Einen Ratgeber sehe ich für mich persönlich nicht so sehr, eher einen Roman, aber das wird noch eine lange Geschichte… :D