Wo ist der Pause Button?

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Fragt ihr euch das auch manchmal? 

Die Grenzen des Aushaltbaren werden immer weiter verschoben. Unverpixelte Fotos von Vergewaltigungsopfern und Leichen auf der Strasse, Bilder die man früher höchstens rotten.com (wer kann sich daran noch erinnern??) als Mutprobe angeschaut hat, werden jetzt einfach in sozialen Medien und auf Nachrichtenseiten geteilt. 

Wie soll man sich vor diesem Grauen schützen, um nicht gleich abzustumpfen?
Darf man überhaupt die Augen verschließen oder ist es nicht auch wichtig, sich das Grauen bewusst vor Augen zu führen? 

Ich habe keine Antwort darauf, aber ich weiss, dass es ein Privileg ist, überhaupt die Wahl zu haben, ob man sich mit dem Ausmaß der Gewalt, nicht nur im Ukraine-Krieg, sondern auch an anderen Orten auf der Welt, auseinandersetzt. Wer sich dafür entscheidet, die Augen nicht zu verschließen, der erkennt schnell die Belanglosigkeit seiner Alltagsaktivitäten. Chaarlottchen hat mal geschrieben: „Das Leben muss ja weitergehen, sagte der Kapitalismus.“ und ich finde es steckt viel Wahrheit darin. Denn auch, wenn uns das Leid auf der Welt emotional belastet, wir stecken nunmal in einem System, das von uns erwartet, dass wir funktionieren, wie ein Rad im Getriebe.

Dass wir weitermachen, trotz Pandemie, trotz Krieg, trotz Naturkatastrophen. Das Leben muss ja weitergehen. Und das Brutale ist: Das tut es ja auch.


Denn ja, man kann gegen das System sein, gegen Kapitalismus, gegen Krieg, aber wenn sich die eigene wirtschaftliche Situation verschlechtert wie es zur Zeit in vielen Haushalten der Fall ist, rücken nicht nur die größeren Katastrophen in den Hintergrund, sondern nicht selten auch die ideellen Werte. Natürlich will man keine Abhängigkeit von (russischen) Rohstoffen, aber nur die wenigsten sind auch bereit, deswegen eine kalte Wohnung oder teure Spritpreise in Kauf zu nehmen. Genauso wenig, wie nur die wenigsten kostbare Urlaubstage nehmen, um am Hauptbahnhof Geflüchteten zu helfen. 

Insbesondere nach zwei vorausgegangenen Jahren Pandemie, kann ich es  persönlich Niemandem verübeln, wenn sich dadurch eine Art gemeinschaftliche Resignation einstellt, die immer wieder durch die schrecklichen Bilder und Videos, die im Netz geteilt werden, unterbrochen wird. Wie ein regelmäßiger Weckruf, aber keiner morgens um 8, sondern der unerwartete, schrille Ton nachts um halb 4, der die halbe Nachbarschaft aus dem Schlaf reisst.

Wann ist diese Grenze des Aushaltbaren überschritten, frage ich mich.
Olaf Scholz meinte vor Kurzem, wir erleben eine Zeitenwende. Doch schon die Vergangenheit hat gezeigt: Das Alte räumt nicht einfach so seinen Platz, damit das Neue einziehen kann. Veränderung stößt meist auf Widerstand, denn sie ist unbequem, aber eine Kraft, die sich kaum aufhalten lässt, wenn sie einmal in Gang kommt. Revolution und Machtwechsel gehen daher meist mit Gewalt einher und die Wachstumsschmerzen fordern viele Opfer. Und leider nein, es gibt keinen Pause Button. Doch wenn wir das Privileg haben uns zurückziehen zu können, dann ist das in Ordnung es gelegentlich zu nutzen um Kraft sammeln, um die neue Welt mitzugestalten, damit diese nach der Zeitenwende eine Bessere, Gerechtere und Friedlichere sein wird. 

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